Porträt: Der Bildhauer Ariel Auslender versteht seine Kunst als eine lebenslange Suche nach Ausdrucksformen, die den Geist bewegen.
Von Anja Trieschmann
Über seine Kunst schweigt er am liebsten. Weil er nicht genau sagen kann, woher er die Bilder nimmt, die er wie lose Assoziationsketten zu skurrilen tektonisch-figürlichen, oftmals mannshohen Terracotten zusammensetzt oder in Bronze gießt. Ariel Auslender, der 1959 in Buenos Aires geboren wurde, wie ein Ire aussieht, in Italien studiert hat und mit Frau und Sohn seit rund zehn Jahren in Darmstadt lebt, lässt sich ungern festlegen, sprachlich nicht und nicht in seiner Arbeit. Er misstraut fertigen Lösungen, beargwöhnt jede Form von Stillstand. Bilder müssen frei aus ihm herausfließen, sich eine Form suchen - wenn er nicht experimentieren kann, fühlt er sich gegängelt. "Kunst ist eine Sprache, in der Widersprüche und Gegensätze sein dürfen", sagt er.
Gedankliche und körperliche Unfreiheit kennt er zur Genüge aus seiner Kinder- und Jugendzeit im Argentinien der Peronistendiktatur. Eine eigene Meinung galt dort in den siebziger Jahren als staatsfeindlich und wurde unerbittlich geahndet. Die Luft wurde Auslender bald zu dünn, der schon mit vierzehn nach der Schule bei einem befreundeten Künstler Atelierstunden nahm, dem Kunst alles bedeutete. Noch nicht volljährig kehrte er der Heimat den Rücken und ging nach Carrara/Italien auf die Kunstakademie, wo er bei Floriano Bodini eine klassische Kunstausbildung durchlief. Inzwischen hat er dessen Lehrstuhl an der Darmstädter TU übernommen und lehrt dort Plastisches Gestalten. Seine Terracotta- und Bronze-Plastiken sehen aus, als hätten sie Jahrhunderte des Zerfalls und der Witterung überdauert. In surrealem Durcheinander treffen darin figürliche auf mythologische Versatzstücke, technoide Formen auf architektonische Fragmente. Rätselhafte Ornamentritzungen überziehen die fragilen Türme und windschiefen Säulen, auf deren Spitze ein Elefant den Rüssel reckt oder halsbrecherisch eine Figur balanciert. Eine Bubenvisage grinst pausbäckig von einer Balustrade, darunter sind Schiffe eingeritzt, Insekten oder unentzifferbare Zeichen aus einer anderen Zeit; aus einem Turmfenster lehnt ein zartgliedriges Frauengesicht, in sich gekehrt der Blick, als läge dort drinnen alle Erkenntnis.
"Die Bilder, aus denen meine Arbeiten erwachsen, kommen wohl vor allem aus der Intuition, dem Unterbewussten oder der Mythologie", sagt Auslender. Vergangenes spiegelt sich in Gegenwärtigem. Dem Bildhauer geht es um die Suche nach dem, was Bestand hat, was nicht von Moden weggeschwemmt wird. "Kunst ist eine Suche, ein Prozess der Selbsterkenntnis, der ein Leben lang dauert", sagt er. Und doch haftet seinen Arbeiten nichts angestrengt Ernstes an. In winzigen Details sitzt unaufdringlicher Humor. Ariel Auslender begreift seine Suche als ein Spiel, das archaische Bilder in ihm aufsteigen und Form gewinnen lässt, um in der Fülle der Visionen dem Lebensgeheimnis näher zu kommen. "Ich möchte mit formeller Gestaltung den Geist bewegen", tastet er sich weiter, formuliert vorsichtig. Die Formgebung ist ihm das Wesentliche an seiner Arbeit. An ihr liest er ab, was eine Skulptur, ein Bild sagen will. "Ich sauge Information aus der Art der Gestaltung, der Umsetzung der Bildidee: Wie ist die Oberfläche gemacht, wie sind Materialien verarbeitet." In einer neuen Bronzearbeit, die er anlässlich einer Ausstellung des Darmstädter Energieanbieters HSE fertigte, bringt Ariel Auslender die abstrakte Idee von der Verfügbarkeit alltäglicher Energie in ein kraftvoll inszeniertes Figurendrama: "Ein-Aus" nennt er sein dynamisches Knäuel aus Menschenleibern, das sich gedankenlos einem brüsken Ende entgegen rangelt - ein sauberer "Cut" und Kopf und Hand sind abgeschnitten, wie bei Stromausfall der Mensch vom Komfort.
Dass viele Menschen mit Kunst nichts anfangen können, führt er darauf zurück, dass sie den Bezug zu ihren Wurzeln, zu einer in ihnen liegenden archaischen Bildwelt verloren haben. Und dass sie sich keine Zeit zum Hinsehen nehmen. "Die meisten Leute schauen sich gar nicht die Objekte an, sondern lesen nur die Ausstellungsnotiz durch." Kunst hat für ihn verweisende Funktion. Sie deutet auf eine verborgene Welt, die unseren Sinnen, abgestumpft von Moden und schnellen Lösungen, meist verschlossen bleibt. "Kunst ist eine Sprache, die Fragen stellt, die anregt, die nicht nur Eines sagt, sondern gleichzeitig Mehreres." Während er nach Worten kramt, die seine Auffassung von Kunst klarer machen, zutzelt er gedankenverloren an seiner Pfeife, fängt plötzlich an zu lachen: "Ich kann es einfach nicht erklären. Dafür mache ich ja Kunst."
(aktualisiert: 2007)
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