Porträt: Für Annette Bischoff ist Malen ein Akt der Befreiung. Deshalb dürfen auch alle Farben in ihren Bildern leben. Damit sie atmen können und von der Vielschichtigkeit des Lebens erzählen, verdichtet die Malerin Farblasuren und wiederkehrende Motive zu quirligen Bildcollagen.
Von Anja Trieschmann
Aus den Bandagen des Alltags herausspringen. Funktionales und Funktionieren beiseite schieben, für ein paar Stunden. Spüren, dass dort, jenseits, Kraft und Lebendigkeit ist, die pulsieren, plustern, wildwuchern will. Dafür schneidet sie sich dicke Scheiben aus dem Tag. Atmet auf, sobald sie in ihrem Turmatelier ist. Mit dem Blick auf Gleise, rundherum. In Bewegung sein. Reisen. Wenn auch nur innerlich. Über den Alltag erhoben, greift sie dort täglich nach dem roten Faden Freiheit.
Der Beginn ist jedesmal Zufall: Eine Farbe, ein breiter Streifen auf Leinwand gestrichen. Ein zweiter daneben. Die Leinwand liegt auf dem Boden. Annette Bischoff beugt sich darüber, die Beine grätschen zu beiden Seiten des Keilrahmens. Malen mit allen Muskeln, damit der Körper atmet. Und die Farbe. Atmen soll sie, sich ausdehnen, Raum greifen, lachen. Denn Annette Bischoff will sich einmal am Tag, nämlich beim Malen, nicht beschränken. Sich nichts vorschreiben lassen. Nicht funktionieren. "Aus dem Vollen schöpfen", sagt sie, keine Farbe ausschließen, sie alle leben lassen, wenn möglich in ein und demselben Bild. In solchen Momenten bricht Lebensfreude aus ihr heraus: Satte Rot- und saftige Grüntöne, Meerblau, Safrangelb. Von prallem Leben gesättigt, drängen sich die Farben, als wollten sie alle gleichzeitig ins Bild. Schubsen sich zur Seite, purzeln eine über die andere, überlappen, unterspülen sich gegenseitig, lösen sich eine in der anderen auf oder schimmern eine durch die andere hindurch. Annette Bischoff malt aus Lust. Oder mit Robert Delaunays Worten: "Ich lebe; die Kunst ist ein Mittel, sich zu erfreuen oder zu leben, und das ist alles."
Der Anfang ist Zufall. Der Rest: Gespräch mit dem Bild. Ein Prozess des Reagierens. Des Spielens, Auswählens, Akzentuierens. Die Leichtigkeit des Spiels ist wichtig, damit etwas fließt. Damit kein Kreativstau entsteht. Auch das Auswählen hat spielerische Komponenten: Dafür greift die Malerin in ihren Materialfundus, wie Kinder in Bauklötzchenkisten: Zeitungsschnipsel, Skizzenbücher, Papierstückchen, auf denen sie eine Struktur erprobt, einen Gedanken gebannt hat. Stapel davon liegen auf Stühlen, auf dem Tisch, in Kisten. Annette Bischoff ist Sammlerin und Jägerin. Stolpert über ein Thema, das gärt dann in ihr, und wie sie sich damit beschäftigt, hebt sie alles auf, was ihr dazu in die Hände fällt: Artikel, Werbematerial, Bücher mit unzähligen Papierschnipseln drin, um rasch die wichtigen Seiten zu finden. Einmal ist es das Thema Mikroorganismen, dann sind es Bäume, oder Energieformen, oder der Eros, oder Chinas Architektur. Das Thema stößt auf sie. Oder sie auf das Thema, je nachdem. Die Recherche ist breit, wahllos fast, ein Grasen mit hungrigem Maul, ein Allesfressen, das im Prozess des Malens verdaut wird. Doch im fertigen Bild schlägt sich nur ein Bruchteil davon nieder. Das gesammelte Wissen ist darin mehr oder weniger unsichtbar gespeichert.
Annette Bischoffs Malerei ist ein Speichermedium. Sie funktioniert nach dem Prinzip des Sammelns und Ablegens, ist Abbild ihrer tagebuchähnlichen Skizzenbücher, in denen sich Idee auf Idee türmt, Skizze auf Fundversatzstück auf Farbprobe, und alles Gefundene ist gleichwertig, darf nebeneinander stehen bleiben, ist Teil des Prozesses, der zum Ganzen etwas beiträgt. Nicht das Vollkommene, auf Harmonie getrimmte Ganze ist ihr "Werk", sondern das Sammelsurium, das Vorläufige, das ihr zugestoßen ist, zugefallen, und dann weiterentwickelt wurde. Die Bilder bestehen aus mehreren Ebenen, in denen sich die Vorläufigkeit früherer Ideen und Skizzen eingedrückt hat. Die Malerin verwischt das Frühere nicht, sondern überlagert es mit neu dazu Gekommenem. Schicht um Schicht entsteht Bild-Komplexität. Malerei, wie ein Abziehbild des Lebens, in dem sich Ereignis um Ereignis ablagert, Bild auf Bild häuft, sich durchdringt. Manches wird dabei verdeckt. Insgesamt aber wächst etwas, was man Erfahrung nennen, dessen Erkenntniswert man aber nicht auf einen Nenner bringen kann. Er lässt sich nur aus dem Konvolut des Gesammelten herausahnen.
Annette Bischoff beschränkt sich ungern. Wie in ihrer Farbwahl schöpft sie auch in ihrer Motivik aus der Fülle. Alles, was sie beschäftigt, fließt in ihre Malerei ein: Indirekt, verwandelt, nämlich auf den jeweiligen strukturellen Wesenskern reduziert. Alles, was sie sieht, schnurrt sie auf Schemen, Konturen, Linie und Fläche zusammen. Malerei ist ihre Art, Gesehenes zu systematisieren und dabei zu ergünden, "was die Welt im Innersten zusammenhält". Mikroorganismen, Blätter, Pflanzenteile, Bäume, bis hin zu Genitalien und Architekturen, alles wird auf seine Grundform hin vereinfacht und zum Ornament, zum Stempel, zur flächendeckenden, zur aufgebrochenen Struktur addiert, die wiederum nur einen Bruchteil eines Bildes bedeckt. Oder: Realität wird in Form von Fotos und Textfragment unter die Farbe geschoben, wird eincollagiert, satt überpinselt und in jedem Fall dem ästhetischen Anliegen untergeordnet. Wirklichkeit in ihre Elementarteile zu zerlegen und zu etwas Neuem, subjektiv Umgestalteten zu verwandeln, darin liegt nicht allein die Lust am Schöpferischen, sondern auch ein Prozess des Entdeckens und Begreifens von Welt. Das jeweilige Thema sei für sie selbst wichtig, sagt sie: Um informiert zu sein und den Blick zu schärfen. Für ihre Malerei ist es jedoch in erster Linie Vorwand fürs sinnliche Vergnügen am ästhetischen Phänomen.
Nie kommt ein Bild allein. Immer wächst aus einem Einfall eine ganze Motivfamilie heran. Serien entstehen, 20 bis 30 Stücke nebeneinander. "Ein Thema durchspielen", nennt sie diese simultane Arbeitsweise. So fand ihre Chinareise im Dezember 2007 intensiven Nachhall in einem Zyklus mit dem ironischen Titel "A dream of Shanghai", der gleichzeitig eine Serie gegenständlich-ornamentaler Bildcollagen und eine weitere mit abstrakten Strukturgeweben gebar. Klangfarbenteppiche die letzteren, deren Farbigkeit zwischen Himmel und Erde auf- und abzufließen scheint. Darinnen ein Gewebe aus feinen horizontalen Linien und floralem Ornament, das sich aus Wiederholung und Reihung speist. Muster und Stofflichkeit lassen auf den ersten Blick an harmlose Teppiche denken. Auf dem Hintergrund der Erfahrungen in Shanghai verbirgt sich hinter der künstlerischen Abstrahierung aber die architektonische Entseelung einer Wirtschaftsmetropole: Hochhäuser schießen in Shanghai aus dem Boden, schneller als Pflanzen, erzählt Annette Bischoff ensetzt. Im Modernisierungswahn werden der alten Hochkultur China die letzten Zähne gezogen. Aus den Lücken wuchern Betonwüsten mit hunderten gläsern blinkenden Schlitzaugen. Der Mensch ist Verschiebemasse und aus dieser Materialdichte vollkommen getilgt.
Auch in den Collagen ist Bischoffs Entsetzen über die rasante Auslöschung der chinesischen Kultur, wie auch ihre Konsumkritik, nicht vordergründig zu finden. Da ist sie trotzdem. Sie verbirgt sich hinter einer ästhetischen Entscheidung, die konsequent Form vor Inhalt stellt. Chinesische Immobilienanzeigen, winzige flimmernde Ziffern, werden in Bischoffs Bildern zum Ornament, über das sämiger Farbfluss schwappt. Dass hinter dem Kleingedruckten Menschen stecken, die eine Behausung, oder mehr: eine Heimat suchen, ist lesbar als subtile Systemkritik, die in vordergründige Ästhetik eingeschrieben ist. Ein anderes Beispiel für die doppeldeutige Lesbarkeit der Bilder ist das schrille Straßenleben Shanghais: Quietschbunte Leuchtreklame, aufs Foto gebannt und dicht an dicht ins Bildquadrat collagiert, lädt ein zum arglosen Bad in asiatischer Farbigkeit. In China buhlen Rot, Gelb, Orange und Rosa um die Aufmerksamkeit wohlhabender Kundschaft, überall flimmert das Konsumangebot. Annette Bischoff steigert deren aufdringliche Wirkung zusätzlich durch Addition und Überlagerung, indem sie die Farben-Fluten ins Kleinformat quetscht, bis es zu platzen droht. Das legt eine zweite Lesart nah: Rot ist in China die Farbe der Macht. Sie ist überall, wie der Staat. Uns geht es gut, schreit es von den Leuchtreklamen herab, dieser gigantischen Maskerade von dahinter sich verbergender Armut, Zensur und Menschenrechtsverletzung.
Wie so oft in Annette Bischoffs Arbeiten häufen, drängen, überlagern sich auch hier Bilder, Erlebnisse und Texturen zu einer Flut aus Farbe und Form. Wie durch einen Dschungel watet die Malerin durch die Bilder, die sich ihr auf der Reise eingebrannt haben. Bilder, die ihr Schockpotenzial nicht offensiv zeigen. Annette Bischoff will nicht mahnen, nicht predigen. Ihre Kritik liegt verborgen unter Schichten Bildern und Farben. Tief verbuddelt unter einer zur Schau getragenen Lebensfreude. Die malerische Entscheidung steht im Vordergrund, nicht die Botschaft."Ein Traum von Shanghai" wird doppeldeutig lesbar: Als Vision einer Alice im Wunderland, die naiv durch das Farbenmeer taumelt. Oder als Kommentar zur großangelegten Betäubung eines Volkes, dessen vorgegaukelte Lebensfreude auf Missachtung und gnadenloser Entrechtung beruht. In Annette Bischoff schlummern beide Seelen. Ihre Bilder sind ein Spiegelbild davon.
(2008)
© 2007 - 2009 by A. & A. Trieschmann - webmaster [at] kunstnotiz.de - impressum - $Date: 2009-01-20 15:51:40 +0100 (Di, 20 Jan 2009) $ - $Revision: 327 $