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Porträt: In den Werkgruppen der Fotografin Ute Döring lauern Spannungen, die man beim schnellen Drübergucken übersieht.

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Konzept statt Knipserei

Porträt: In den Werkgruppen der Fotografin Ute Döring lauern Spannungen, die man beim schnellen Drübergucken übersieht.

Von Anja Trieschmann

In Ute Dörings Brust ringen zwei Seelen. Die eine duftet nach Leichtigkeit und tritt dem Besucher mit offenherziger Frische entgegen: Eine zierliche Frau, die lächelnd leichtfüßige Rastlosigkeit verströmt, die Tischrunden zum Lachen bringt, geradlinig ist und zupackend. Die Kehrseite ihres Wesens ist weniger offensichtlich: "Meine Fotos sind eine andere Seite von mir als die, die ich nach außen zeige," sagt die Künstlerin nachdenklich, doch im nächsten Moment ist der Anflug von Schwere auch schon in neuer Geschäftigkeit verpufft. Hat man erst das oberflächlich Glatte, Gefällige in Ute Dörings Fotos durchschaut, offenbart sich darin ein exakt denkender, kritischer Geist. Mal ist es Einsamkeit, ein Fragen, eine surreal gezerrte Weltsicht, die sich in den über die Jahre wechselnden, stets inhaltlich motivierten Serien zeigt; dann wieder provoziert sie gewohnheitsschlaffe Sehweisen mit streng komponierten Sujets, die Distanz und analytischen Scharfsinn ahnen lassen.

Dieses Spannungsfeld zwischen Direktheit und Hintergründigkeit, Strenge und Spontanität prägt Ute Dörings Leben und Werk. Als Kind der DDR – sie ist 1958 in Dresden geboren - lernte sie früh, trotz karger Mittel beharrlich ihre Ziele zu verfolgen. Die ersten Schwarz-Weiß-Aufnahmen entwickelte sie zuhause in der Küche, tunkte sie ins Badewasser, hängte sie quer durch den Raum zum Trocknen. Eng war es damals in Leipzig, Rom, Worpswede, all den wechselnden Orten, an denen sie mit Söhnchen Tilmann und Lyrikergatte Kurt Drawert jahrelang auf Abruf lebte. Den Kopf immer voll mit Motivideen. Die haben sich ganz allmählich in ihr Leben geschlichen und dabei ihr Studium der Kulturwissenschaften und den Job in einer Künstleragentur verdrängt. Was sie heute übers Fotografieren weiß, hat sich Ute Döring im Selbststudium und durch Versuch und Irrtum angeeignet. Neugierde, Humor und Perfektionismus sind nicht nur der Motor, sondern auch das Gütesiegel ihrer Arbeit geworden. Wäre sie nicht von Natur aus zäh und ein bisschen dickschädelig, und nicht ganz so verliebt in Bilder, sie hätte es wohl längst an den Nagel gehängt, das Liebhaberdasein als freie Fotografin.

Ihrer Leidenschaft zum Trotz ist sie eine erklärte Gegnerin der medialen Bilderseuche und tritt wahlloser Knipserei skeptisch entgegen. Akribische Konzepte liegen stattdessen all ihren Werkserien zugrunde. Das ist ihre Art, sich einem Thema zu nähern und seine Möglichkeiten technisch auszuloten. "Ich überlege genau, welches Bild ich mache. Alles ist durchdacht – das ist meine Sprache." Es ist eine Bildsprache, die den Betrachter frontal erwischt. Der Kontakt ist direkt, die Aussage scheint, zumindest auf den ersten Blick, eindeutig definiert. Doch hinter der augenfälligen Klarheit sprengen haarfeine Risse den sauber umgrenzten Erkenntnismoment: Irritation ist beabsichtigt, unter der scheinbaren Schlichtheit lauern verunsichernde Assoziationen, die den Sehenden mit Fragen konfrontieren, die letztlich immer bei ihm selbst landen. Da ist etwa Ute Dörings Blick auf Architektur und Raum, ein zentrales Thema, auf das sie immer wieder zurück kommt. Etwa in ihrer Leipzigserie: Die wankend verzerrte, völlig menschenleere Perspektive der Trostlosigkeit lässt die Ahnung keimen, dass nichts im Leben sicher, der Mensch letztlich sich selbst überlassen und ohnehin alles im Wandel ist. Dieses Moment der Verunsicherung zeigt auch eine alte Schwarz-Weiß-Serie über die vor sich hin bröckelnde Abbrucharchitektur der Nazi- und DDR-Bauten in Prora, welche jahrzehntelang wechselnde politische Systeme beherbergten, als wären die Plattenbauten Hotelbetriebe für Weltanschauungen.

In späteren Arbeiten tritt der Raum stärker in Beziehung zum Menschen, markiert die Grenze zwischen Individuum und Umgebung, mutiert mal zur Heimat, dann zum Gefängnis oder gerät zum Erlebnisraum medialer Bilderfluten, die die Sinneswahrnehmung verkleben. Seit Ute Döring das Individuum in den Mittelpunkt ihrer Werkgruppen rückt, dominieren farbige Abzüge. Wie typisiertes Rollen- und Konsumverhalten menschliches Selbstverständnis formen, welche Funktion die Schnittstellen zwischen Raum und Körper, etwa Kleidung, Medien und Lebensmittel in der Entwicklung des ureigenen Ausdrucks spielen – das sind Fragen, die Ute Döring nicht beantwortet, sondern durch ihre Bilder mit zusätzlichen Fragezeichen vertieft. Zwischen den gegensätzlichen Polen ihres Charakters sprüht die Spannung Funken. Vielleicht ist es gerade die aus dem Widerspruch geborene Energie, die diese zarte Person zu einem Feuerwerk werden lässt.

(aktualisiert: 2007)

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