Porträt: Der Bildhauer Thomas Duttenhoefer formuliert in seinen Plastiken den Zwiespalt des Lebens.
Von Anja Trieschmann
Sein Initiationserlebnis in Sachen Farbe hatte Thomas Duttenhoefer im Schlachthof. Als er dort die aufgeschlitzten Bäuche der kopfüber an Haken hängenden Rindviecher sah, staunte er über die Vielfalt der Rottöne, die Facetten Blau dazwischen, die Direktheit der Nuancen. "Hier schulte sich mein Auge für die Wahrnehmung von Farbe", erinnert sich der 55-jährige an seine blutigen Anfänge als Zeichner. Dabei ist der in Darmstadt lebende und seit 2003 an der Fachhochschule Mannheim lehrende Künstler nicht bei der Malerei, sondern bei der Plastik gelandet. In hunderte von Skulpturen, Reliefs, Grafiken, Radierungen und Porträts drückte er seine Handschrift.
Jahrzehnte nach dem Besuch im Schlachthof taucht das Motiv des ausgeräumten Kuhkadavers verwandelt und symbolhaft aufgeladen in seinen Arbeiten wieder auf: In einer teils morbid sarkastischen, teils surrealen Kombination aus der Figuration des Stiers mit der des Bischofs: Stier spießt Bischof, Bischof betet vor Stierkadaver, Kadaver walzt Bischof platt. Ungezählt tasten die Variationen des vielschichtig bearbeiteten Themas die Spannung zwischen Leben und Tod nach. Wer mag, kann darin beißenden Spott gegen Lebensfeindlichkeit und Machtstarre der Kirche sehen. Die Plastiken zwingen diese Sichtweise jedoch nicht auf. In der Offenheit zwischen figürlicher und abstrahierter Darstellung spielt das irrwitzig ungleiche Paar immer neue, schaurige bis belustigende Machtkonstellationen durch. Jeder soll drin sehen, was er mag. Thomas Duttenhoefer ist die inhaltliche Deutung seiner Arbeiten nahezu gleichgültig. "Ich habe kein Anliegen", sagt der Bildhauer. Die Welt mittels Kunst verändern zu wollen hält er für Anmaßung. Vielmehr geht es ihm in dieser Werkgruppe um die plastische Formulierung des Paradoxon, innerhalb dessen sich Leben und Tod ereignen: Ums Spannungsfeld zwischen animalischer Potenz und oktoyierter Selbstbeherrschung, zwischen Fleisch und Geist, ver-körpert in Stier und Bischof. In dem jahrelang reflektierten Paradox Stier und Bischof bündelt sich die Erfahrung eines achtsam ausgekosteten Lebens, in dem die Kunst Essenz und (Über-)Lebensmittel ist: Darin spiegeln sich die Schlachthof-Szenen wie auch die Eindrücke des jugendlichen Messdieners in der katholischen Kirche; die Begegnung mit fremdem Tod im Altenheim kurz nach dem Kunststudium fließt ebenso ein wie Stierkämpfe, die Thomas Duttenhoefer auf Reisen durch Europa, Marokko, Ägypten studierte. Die bühnenhafte Komposition seiner Plastiken verweist auf seine Leidenschaft für Theater, Oper und Ballett. Alles Erlebte gerät zum Fundus für Duttenhoefers, wie er es nennt, "künstlerisches Quellenstudium", das den Arbeiten ihren vielschichtigen Deutungsspielraum einverleibt.
"Kunst beinhaltet nicht eine Wahrheit - sie ist Verwandlung, Lüge, Fiktion, Behauptung", doziert Duttenhoefer über die Brille hinweg. Die Form erst mache die Kunst zur Kunst. Persönliches Erleben lässt sich auf Grundformen vereinfachen, auf Linien, die nach einer Reihe Metamorphosen die Abbildung, eben das Erleben, weit hinter sich lassen und eine eigene Sprache suchen. So bäumt sich in Duttenhoefers Stier-Bischof-Gespann die ungestüme Lebenspotenz, zum Zerreißen gespannt im Muskelspiel des angriffslustig gesenkten Stiernackens, gegen die ängstliche Impotenz des Klerus, dessen magerer Leib von Schichten schweren Stoffes zur Pyramide versteift ist: Der in künstlerische Form gebrachte Zwiespalt des Lebendigen.
Dass der in Darmstadt lebende Bildhauer den Spannungsbogen des Lebens vom Tod her entwirft - denn die Stiere und Bischöfe ringen ja mit nichts anderem als mit diesem letzten Faktum der Verwesung, Zerstückelung, Erstarrung -, steht quer zu einer Zeit, in der Jugend verherrlicht, Altern und Tod negiert, allenfalls noch kosmetisch kaschiert werden. In der bildenden Kunst reiht sich Duttenhoefer damit allerdings in eine alte Tradition ein. Vom Ende her betrachtet gewinnt das Leben an Glanz. Und es ist das Leben in aller Zwiespältigkeit, das er mit seinen mitunter düsteren Plastiken preist, und wenn er bekennt: "Ich fühle mich privilegiert, dieses Leben so zu führen, wie ich es tue."
(2006)
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