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Porträt: Wucherndes Farbschlieren zeigt nur eine Seite von Vera Fles-Schönegge - mit ihrer Malerei durchstößt sie ihre bürgerliche Fassade.

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Dem inneren Chaos Ausdruck geben

Porträt: Wucherndes Farbschlieren zeigt nur eine Seite von Vera Fles-Schönegge - mit ihrer Malerei durchstößt sie ihre bürgerliche Fassade.

Von Anja Trieschmann

In ihrer Kunst darf Ungezähmtes leben. Dann drückt die bürgerliche Vera Fles-Schönegge alle Augen zu und überlässt der anderen, heimatlosen, rebellischen, am Leben trauernden Künstlerin in sich das Feld. Dann wuchert erddunkle Unfarbe über Leinwand, schorft sich auf, krustet und kleckert und verdichtet sich düster, wie Erde sich Schicht um Schicht zusammen presst und im luftdichten Gemenge vermodert. Melancholie ist eingegraben in die Geologie der Malerei von Vera Fles-Schönegge. Da steckt Lebenserfahrung drin, Trennung und Verlust von Heimat und Einsamkeit, aber auch ein kritisches Bewusstsein für den Raubbau, den der Mensch mit sich selbst und seiner Umwelt betreibt. All das spiegelt sich in ihren Bildern, als Stimmung, als eine Einstellung zur Welt, als Innenperspektive.

Von außen ist der aus den Mühlen des Brotberufs entwachsenen zierlichen Argentinierin nichts von der Schwere anzusehen, die sich in ihrer Malerei zum mitunter undurchdringlichen Farbschlick ballt. Freundlich, hell ihre Wohnung, eine unaufdringliche Ästhetik setzt Akzente. Sich anzupassen half ihr zu überleben: Die Flucht aus der Heimat Jugoslawien während des zweiten Weltkriegs, das Heranwachsen im argentinischen Exil, eine zweite Flucht, als sich die politische Lage zuspitzte. Ihre Begabung für Sprachen half beim Warmwerden mit Ländern und Leuten: Zeitweise lebte sie in Italien, dann in Deutschland. Schließlich zog die Kunst: An der Werkkunstschule Düsseldorf wurde sie eine Zeitlang heimisch. Dort nahm sie ihre frühe Passion wieder auf: Das Zeichnen. In Argentinien hatte sie bereits Tiere im Zoo gezeichnet, Studien in Bewegung. In Düsseldorf fiel sie damit aus der Reihe: Im Studienfach der "angewandten Grafik" kollidierte Mitte der 60er Jahre ihr figürliches Repertoire mit dem Trend zur Abstraktion. Als sie auch an den Kunstakademien damit scheiterte, verlagerte sie ihre Studien auf Kunsttheoretisches, büffelte Geschichte und Pädagogik in Frankfurt und warf sich in die intellektuellen politischen Debatten der Zeit: Eine Frucht, an der Vera Fles-Schönegge in den 70-ern initiatorisch Anteil hatte, ist die Konzeption zum Fach "Visuelle Kommunikation", das den bis dato gängigen Kunstbegriff um soziale Aspekte zu erweitern suchte.

"In meiner Kunst bin ich als ganzer Mensch drin", sagt die Malerin. Chaos und Ordnung, Disziplin und Wildheit. "Mit dem, was ich male, zeige ich meine Einstellung zum Leben." Heißt: Keine romantischen Bildchen, sondern Leben in seiner Ambivalenz, seiner Schroffheit und Erdigkeit will sie zum Ausdruck bringen; darin gespiegelt die inneren Zustände, die sie als Malerin begleiten. "Wie andere als Ausdrucksmittel die Sprache haben, ist das Malen mein Instrumentarium, um mich mitzuteilen." Kunst als Menschwerdung, wie Kollege Jörg Immendorff es einmal fasste. Als Rückbesinnung auf seine Wurzeln, als Achtsamkeit vor dem Lebendigen, als Ahnung, dass letztlich alles zusammen gehört: Erde und Baum und Mensch. Ihre neuen Arbeiten sind Variationen zu diesen Themen, entstanden anlässlich der Kunstaktion "Stetig wachsen - Sprechen über Bäume", die 13 Kirchen in Darmstadt mit Kunst zum Thema Baum bespielt. Vera Fles-Schönegge hat sich vom Sakralbau Martinskirche zu sechs Stoffbahnen mit abstrakter Malerei anregen lassen, die von der Empore ins Gestühl herab hängen. Erde in ihrer Ambivalenz zwischen Landschaft, Geröll und geologischer Schichtung, zwischen Fruchtbarkeit und Vergiftung taucht, mit luftigem Gestus auf Rupfen gepinselt, unter dem Farbauftrag auf. Figürliches ist fast vollständig aufgelöst. Wie von selbst sei das so gekommen, sagt Vera Fles-Schönegge, deren Malerei heute nichts mehr verbindet mit Gegenstand und Realismus, wie er in frühen Arbeiten im Zentrum stand: "Irgendwann zählt nur noch der Ausdruck", erklärt sie ihre späte Hinwendung zur Abstraktion. Der Realität auf der Spur ist sie nur noch in ihrer Fotografie, die seit einigen Jahren als zweites Ausdrucksmedium in ihr Blickfeld gerückt ist. Doch auch in diesen poetischen Stilleben eines abgelebten, dem Verfall anheimgegebenen Daseins zieht sich Reales zu abstrakten Form- und Farbspielen zusammen. Im zufällig Entdeckten spürt sie die Melancholie der Vorläufigkeit, die Ästhetik des Zerbruchs auf.

(aktualisiert: 2007)

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