Porträt: Die Künstlerin Hanne Junghans spielt in ihren Bildern mit der Uneindeutigkeit der Realität.
Von Anja Trieschmann
Hinter allem, was sie tut, steht die Zeit still. Langsamkeit ist ihr Potential: In ihrer Kunst wie im Leben. Beides ist eng miteinander verflochten. Wenn Hanne Junghans spricht, ist es, als taste sie die Worte nach den Nuancen ihrer Bedeutung ab. Ihre Kunst geht denselben Weg: Es beginnt mit einem intuitiven Augenblick, einem Bild, das gedreht wird und gewendet, betastet und verändert, vervielfältigt und verdichtet, bis aus planlosem Spielen ein Konzept wächst, vom Verstand gesteuert und mit Sachverstand in Form gebracht.
Hanne Junghans, die ihre Leidenschaft zur Kunst professionell zu formen begann, als ihre zwei Söhne noch klein waren, kann sich ihr Leben nicht anders denken, als dass es sich ereignet und dabei Fäden des Erinnerns spinnt. Von diesen Fäden - des persönlich Erlebten, spontan Gesehenen, Gelesenen - nimmt sie einzelne auf und webt sie ein in ihre vielschichtigen, immer um die Individuation des Menschen kreisenden Bilder, Foto-Objekte, Leuchtkästen. Aus subjektiven Ausschnitten formt sie ihre Kommentare zur Wirklichkeit.
Man sieht nur, was man weiß, was man erinnert. Erinnern ist für Hanne Junghans ein wechselseitiges Überlappen des Erlebten, das mit zeitlicher Distanz nebulös zerrinnt und Realität vieldeutig macht. Dem Moment die Möglichkeiten zu entreißen, die noch verborgen in ihm liegen - Möglichkeiten des Sehens und Erkennens - darin liegt ihre Passion. Eindeutigkeit ist für sie Illusion, doch Angst macht ihr das nicht. Denn erst im Diffusen öffnen sich ihrer Meinung nach Spielräume für Fantasie und Deutung, weitet sich Wahrnehmung. Das macht die 1954 geborene, in Darmstadt lebende Künstlerin in ihren Materialcollagen durch ein Ineinanderfließen bildhafter Eindrücke sichtbar: Bildebenen schieben sich übereinander, Konturen verschwimmen wie hinter Schleiern, lösen sich auf in Schatten, sind überdeckt von Texturen aus alten Büchern, folienartig aufcollagiert. Die Bildinhalte sind häufig nicht eindeutig greifbar. Sinnlich wie Malerei verschweigen sie, ins Abstrakte oder auch Ornamenthafte verfließend, die Bezugspunkte zur Realität, um sie auf der tieferen Ebene der Intuition erfahrbar zu machen.
Das Prozesshafte des Lebens, das Vergängliche, Hässliche und deren morbide Schönheit, bringt sie in ihren seriellen Arbeiten zum Ausdruck, in jüngster Zeit auch in filmischen Projekten. Dabei öffnen sich Ausschnitte persönlichen Erlebens zu kollektiven Erinnerungsräumen, aus denen sich Ich-Werdung als ein Überlagern von Erlebnissen gestaltet. Das zeigt etwa eine Collagenserie, die zwei prägende Erinnerungen aus dem Leben der Künstlerin übereinanderblendet: Fotos aus ihrer Kindheit, ein Mädchen auf einer Schaukel, sind überlagert von Laborfotos und Formeln - Reminiszenzen aus dem Chemiestudium der Künstlerin.
"Wiederholung verlangsamt die Wahrnehmung", sagt Hanne Junghans. Mit ihren rätselhaft verschleierten, stillen Bildern steht die Künstlerin quer zur Reizüberflutung MTV-gehetzten Sehens. Es braucht Zeit, sich in die Schichten eingeschriebenen Erlebens einzusehen. Immer wieder spielen Menschen - oder deren Abwesenheit die Hauptrolle in ihren Bildern. Menschen beim Schauen, beim Gesehenwerden, in Gruppen, vereinzelt, in Räumen: Sich dem Geheimnis Mensch zu nähern in seinen mannigfaltigen Bezügen zu anderen Individuen, zu Technologie, Politik und Psyche, gilt alles Experimentieren mit sinnlichen Materialien, gilt ihr Tasten, Verdichten, Verfremden auf Stahl, Alu und vor Licht.
Seit 1995, als sie mit ersten Papiercollagen (Schwarz-weiß-Fotokopien auf Stahlblech) experimentierte, lässt sie die Technik des schichtweisen Über- und Nebeneinander nicht mehr los. Farbe drängte in ihre Arbeiten, als sie ihre Bilder mit Rostpulver besprenkelte und die Malerei dem Zufall überließ. Rotbraune Flecken fraßen sich in die Bildobjekte, auf denen sich ein einzelnes Motiv durch Wiederholung zum All-Over-Muster aufsprengt: Der Schädel eines Embyos wird in der Serie "Ohne Ende" vervielfältigt, so dass sich die mutmaßliche Klonung wie ein unfassbar schauriges Muster über das Blatt ergießt. Form und Inhalt decken sich: Die Vermassung von Fotokopien entspricht der ins Unendliche steigerbaren Verfügbarkeit digitalen wie auch genetischen Materials, innerhalb dessen Individuation fragwürdig, aber auch kostbar wird.
Seit einigen Jahren hat Hanne Junghans den Computer als Mittel für ihre Verrätselungen entdeckt. Die anonyme Sachlichkeit, die bereits ihre handwerklichen Arbeiten aus den vergangenen Jahren prägte, paart sich in den neuen Serien mit atmosphärischer Dichte, die nichts mit Depression zu tun hat, sondern durch langsames Hindurchsehen durch alles Ungewohnte und Schleierhafte zu einem Erkenntnisgewinn erwachsen kann.
(aktualisiert: 2007)
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