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Porträt: Der Bildhauer Detlef Kraft presst seine Figuren in enge Hautkostüme und balanciert so ihre innere Spannung aus.

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Zum Zerreißen gespannte Ambivalenz

Porträt: Der Bildhauer Detlef Kraft presst seine Figuren in enge Hautkostüme und balanciert so ihre innere Spannung aus.

Von Anja Trieschmann

Dieser Hase hoppelt nicht, er fliegt. Mit gekreuzten Läufen trotzt er in geschmeidigem Sprung der Schwerkraft. Jeder Muskel gespannt, der ganze Körper komprimierte Bewegung. Doch den Sprung wird er nie zuende bringen. Denn sein Schöpfer, der Bildhauer Detlef Kraft, wollte den Augenblick kraftvoller Schwebe festhalten - und goss den fliehenden Mümmler in Bronze. Er ziert derzeit das Schaufenster der Galerie Thieme.

Die lebensgroße Plastik ist ein Hase, wie er im Buche steht. Doch in die stilistische Schublade des "Realismus" passt er, wie überhaupt alle Werke des Berliners, trotz der naturnahen Wiedergabe nicht. Kraft modelliert seine Schildkröten, Löwen und Hunde wie auch die menschlichen Figuren als typologisches Idealbild. Der Wahl-Darmstädter will zum Wesen, zur Seele der Geschöpfe durchdringen, will ihr inneres Gleichgewicht zur äußeren Form werden lassen. Behutsam schleift er ihren stillen, kompakten Körpern die Würde ein, die er allem Lebenden beimisst. "Die Plastik ist eine differenzierte Persönlichkeit", sagt der Künstler, hält nachdenklich inne, ringt nach Worten, formuliert achtsam: „Sie ist irgendwie vergleichbar mit einem menschlichen Gegenüber."

Detlef Kraft, der 1950 in Berlin geboren wurde und dort Kunst studierte, zieht 1980 ein Lehrauftrag für Plastisches Gestalten an die Technische Hochschule nach Darmstadt. Fünf Jahre und einen Kunstpreis der Darmstädter Sezession später hängt er die Lehrtätigkeit zugunsten des freien Kunstschaffens an den Nagel. Eine Entscheidung, die er nicht bereut, auch wenn seine Kunst "kontraproduktiv zum ökonomischen Erfolg" ist, wie er sagt.

Leicht zugänglich sind Krafts Arbeiten nicht. Sie halten den Betrachter auf Distanz. Kaum wagt man, die straff gezogene, spiegelglatte Bronzehaut zu berühren, die Ruhe, die von der auf's Wesentliche komprimierten Form ausgeht, zu stören. Ihr Zauber speist sich aus einer wohlkalkulierten formalen Spannung: Es ist, als ruhten die Figuren in sich, als blickten sie versunken in eine andere Welt. Zugleich strotzen sie vor innerer Kraft, in der sich die Ahnung einer Bewegung abzeichnet. "Ich strebe eine ambivalente Wirkung in meinen Figuren an; sie bewegen sich zwischen Souveränität und Verletzlichkeit, zwischen Kraft und Schwäche."

In den meisten Plastiken und Konstellationen orientiert sich Kraft an der Grundstruktur des Dreiecks - der Geometrie der Balance. Spannung erzeugt er, indem er die Proportionen oft nur um einige Millimeter aus dem Gleichgewicht kippen lässt. Etwa beim Bluesharpspieler, der, in unhörbare Musik versunken, vor dem Darmstädter Jazzinstitut steht. Der massige, im Vergleich zum Kopf viel zu füllige Körper scheint federleicht auf den Fußballen zu wippen, als wiege er sich zu den Klängen der Mundharmonika.

Die Vorliebe für formale Dissonanzen, für aus dem Lot geratene Proportionen, die irritieren und zu genauem Hinsehen verleiten, schafft eine Verbindung zu Krafts musikalischer Passion, der Jazzimprovisation. Als Schlagzeuger trommelt er leidenschaftlich zu den schrägen Harmonien seiner Bandkumpanen. Jazz und Bildhauerei sind in seinen Augen verwandt: "Die richtige Mischung aus Distanz und Nähe ist wesentlich für die Musik wie für die Bildhauerei, das heißt, Emotionen rauslassen und sich zugleich kontrollierend über die Schulter schauen."

(2003)

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