Porträt: Der Maler Willes Meinhardt bringt in seinen Plexiglasbildern Farbe zum schweben.
Von Anja Trieschmann
Ein paar nackte Nägel in Augenhöhe sind der einzige Schmuck an den geweißten Wänden. Lediglich zwei milchig trübe Plexiglasbilder, die sich farblich kaum von der Wand abheben, rufen die Funktion des Garagen-ähnlichen Anbaus in Erinnerung: Er dient dem Weiterstädter Maler Willes Meinhardt als Atelier. Der Kunstpädagoge, der bis 1997 Druckgrafik und Zeichnen unterrichtete, liebt es spartanisch. "Nichts soll mich vom Bild ablenken. Das Malen ist für mich ein Erkenntnisprozess, der Zeit und Konzentration erfordert." Die Malerei habe ihn dazu gebracht, langsamer zu werden: Sich Dinge genau anzusehen, Zeit bewusst zu nutzen und sich mit dem Wesentlichen auseinanderzusetzen. Dem Substanziellen des Lebens, wie er es nennt, versucht der Autodidakt in Sachen Malerei auf die Spur zu kommen, indem er philosophische Schriften wälzt, Kunstausstellungen und -messen besucht und sich in die Architektur von Zisterzienserklöstern vertieft. "Ich bewundere die Hingabe dieser Mönche. Die Demut, sich der natürlichen Entwicklung der Dinge anzuvertrauen und sie nicht beschleunigen zu wollen, sind Grundlagen meiner Kunst."
In Meinhardts streng strukturiertem Tagesablauf wechseln diszipiniertes Arbeiten und stilles Betrachten der Bilder so lange ab, bis die individuelle Lösung für jedes Exponat gefunden ist. Jede Form von Routine würde in seinen Augen die dafür nötige Wachsamkeit zerstören. "Deshalb male ich auch nur zwischen 12 und 15 Bilder pro Jahr", schmunzelt der Maler selbstbewusst. Dass nur weniger Sammler seine Werke im Wohnzimmer hängen haben, stört ihn nicht. "Die haben oft jahrelang meine künstlerische Entwicklung mitverfolgt und setzen sich intensiv damit auseinander. Das ist mir wichtig."
Vom Zeichnen und Arbeiten auf Papier entwickelte sich Willes Meinhardts Arbeitsweise seit 1994 hin zu größeren Formaten, zu farblich stark reduzierten Bild-Objekten aus bemaltem Holz, auf das eine lasierte Plexiglasscheibe geklebt ist. Ihn reizt die Darstellung von Räumlichkeit, und deren transparente Auflösung. Das Licht, das hinter dem Plexiglas gebündelt wird, scheint die Acrylschlieren hinter dem milchigen Glas in diffuse Bewegung zu bringen. Dieser irritierende, beim ersten Hinsehen kaum wahrnehmbare Farbfluss wird jedoch von den Schatten, die das Holzgestell auf die Wand wirft, sanft im Zaum gehalten - ein Wechselspiel zwischen Objekt und Bild entsteht. Der Künstler selbst tritt hinter sein Werk zurück - es soll für sich wirken und nicht von einer persönlichen Handschrift abgelenkt werden.
Seine Bilder sind eine Auseinandersetzung mit Realität. Tagesaktualität interessiert Willes Meinhardt nicht. In der Tradition der Minimal Art negiert er jedes übergeordnete Thema, jede Gegenständlichkeit. Die Farben, die er verwendet, kommen unvermischt von der Tube aufs Holz. Es ist die Direktheit des natürlichen Materials, das Fehlen alles Aufgeblasenen, das ihn dem Wesentlichen näher bringt, wie er sagt. An das, was sich sprachlicher Festlegung entzieht. "Das, was intellektuelle Konzepte nicht mehr ausdrücken können, versuche ich durch meine Malerei zum Ausdruck zu bringen. Aber ich kann mich immer nur annähern." An der Grenze intellektueller Fassbarkeit setzt für ihn die Intuition an. Trotz exakt durchdachter Arbeitsschritte kann er nicht genau vorhersagen, welche Wirkung ein Bild haben wird. "Jedes Bild beinhaltet einen Moment der Überraschung."
Meinhardts Farbreduktionen verweigern sich dem Mainstreamgeschmack. Sie fordern vom Betrachter eine intensive Beschäftigung: ein Sich-Eindenken und Sich-Einlassen. Die Stille, die von ihnen ausgeht, löst Verunsicherung, bei manchen Betrachtern sogar Aggression aus. Sie entziehen sich flüchtigem Genuss ebenso wie dem Ansinnen hübschen Dekors. Die Frage eines Atelierbesuchers, ob es "das blaue Bild denn auch in gelb" gäbe - es würde dann besser zur Couchgarnitur passen - bringt Willes Meinhardt nicht mehr aus der Fassung. Er erlebt immer wieder, dass Menschen, die sich beim Betrachten seiner Bilder Zeit lassen, neue Erfahrungen mit ihrer Wahrnehmung der Realität machen.
(aktualisiert: 2007)
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