Porträt: Die Malerin Margot Middelhauve speichert in ihrer Kunst die Energie abgelebter Örtlichkeiten und verwandelt sie zu Zeichen menschlicher Beheimatung.
Von Anja Trieschmann
Der "grüne Punkt" hätte Margot Middelhauves Idee gewesen sein können. Wiederverwertung ist bei der Darmstädter Malerin zum kreativen Credo geworden. Sorgsam pappt sie Fetzen alter Bilder, die ihr nicht mehr gefallen, neuen Werken auf. Typisch Middelhauve ist es auch, wenn solche collagierten Recyclingspuren aufeinander folgende künstlerische Phasen und Gestaltungsmittel, die sie in ihrem mehr als 30-jährigen Schaffensdrang durchforstet hat, zur Einheit verbinden. Das einzig Beständige im Leben ist der Wechsel: Der in Hamburg geborenen und seit 1969 in Darmstadt lebenden Malerin, die ihr Handwerk bei Eberhard Schlotter gelernt hat, ist diese Binsenweisheit auf den Leib geschneidert. Zumindest was ihren von spontanen Bauchideen und der Lust am Experiment gesteuerten Ausdrucksdrang angeht. Mit Akkuratesse zeichnete sie sich in den 70er Jahren grün-bewegte Themen von der Seele, verbildlichte zornig die Zerstörung der Natur durch den Menschen. Nach sechs Jahren war der Bleistift als künstlerisches Mittel ausgelutscht: Der Drang nach freier Gestik und kräftiger Farbe ließ sie zum Pinsel greifen. Der malerische Befreiungsschlag sprengte zugleich die Form, der Gegenstand wich dem sinnträchtigen Zeichen, das sich seinen Weg durch dichte Farbschichtungen und Spachtelkratzspuren bahnte. Spielerischer noch ließ die Collage das Experimentieren zu: "Sie ist flotter, beweglicher, lässt mir mehr Raum für Spontanität." Die Ideen fließen mit dem Schauen: Was sie fasziniert, wird fotografiert, hundertfach kopiert, verfremdet und mit leidenschaftlicher Präzision zu ästhetischen Strukturen zusammengesetzt. Aus ihnen webt sie papierene Kleider für die seit Anfang der 90er Jahre immer größer werdenen, sich von der Wand lösenden Bildobjekte, die zunehmend auch aus der handelsüblichen Quadratform rutschen.
Nein, zur Bildhauerin sei sie nicht mutiert - die Formen, die sie bereits in den achziger Jahren gemalt habe, seien nur irgendwann aus dem Bild getreten, sagt die Malerin mit keckem Lächeln. Die Vorstellung, um Bilder herumzulaufen und die unter ungezählten Schichten schimmernde Farbe von allen Seiten zu sehen, animierte sie zu erneuter Metamorphose: Serien von Holzstelen entstanden, die an urzeitliche Steinformationen erinnern.
Wie ein roter Faden zieht sich die organische Form der Menhire durch die sich ständig verändernde Arbeit der Künstlerin, schaffen eine Kontinuität im Wechsel. Die kreisförmig angeordneten Zeugen urzeitlicher Kultrituale sind Middelhauve zu einer Art innerer Heimat geworden. Wiederholt reiste sie nach Irland und Frankreich und ließ sich von den Steinkreisen inspirieren. Ihre bunt bemalten und beklebten Holzstelen mit den sonderbar geneigeten Köpfen entstanden unterm Eindruck dieser Kultstätten, den sie mit aktuellen Seheindrücken kombiniert. Für Middelhauve sind sie stumme Zeichen ihres Verortungsversuchs mittels Kunst in der Geschichte. Einer Geschichte, in der der Mensch Zeichen hinterlässt, Zerstörung oder Schönheit, Signale der Ermächtigung oder der Verehrung. Autobahnen, Kultstätten, Hochhäuser: Versuche menschlicher Verewigung. Vor drei Jahren reizte sie die formale Parallele zwischen der New Yorker Skyline und den urzeitlichen Steinkreisen zu einer Reise übern Teich. Ihre Eindrücke hat sie zu einer Serie Stelen und Bilder verarbeitet. Die Formen sind symmetrischer, technischer, filigrane Muster aus kopierten Feuerleitern, wie sie an Manhattens Wohnblocks emporkriechen, zeichnen die Spuren des modernen Menschen nach. Verletzliche Spuren, wie die Terroranschläge des 11. September 2001 zeigten. Das in beklemmender Weise an die einstürzenden Twin Towers erinnernde Bild "Feuertreppen", das sechs Monate vor der Katastrophe entstand, mahnt mit eindringlicher Aktualität die fragile Seite menschlicher Verewigungssucht an. Pure Neugierde treibt der Künstlerin Themen zu. Ein abgelebtes Industriegelände durchstreift sie, Linse vorm Auge, nach Motiven. Sucht dort nach Ästhetik, wo die Bagger zum Abriss lauern. Feuer wie es faucht und fackelt und mit Glutgelb die Müllschlacke frisst - für eine Ausstellung des Darmstädter Energievertreibers HSE hat Margot Middelhauve das Brutzeln im Ofen der Müllverbrennung auf einer Bildstele verewigt. Fotografie, so realistisch, dass man meint, das Feuer speie real aus der Säule, lässt sie kaum merklich in Farbe übergehen. Das Thema Energie ist für sie eng an ihre Kunst gekoppelt: Ist Dynamik, ist Triebkraft ihrer Kunst, ist Sprengstoff in Farbe.
(aktualisiert: 2007)
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