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Porträt: Strebt mit einer einzigen Linie zum Wesen der Dinge: Die Malerin Gundula Schneidewind.

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Besinnung hinter Gittern

Porträt: Strebt mit einer einzigen Linie zum Wesen der Dinge: Die Malerin Gundula Schneidewind.

Von Anja Trieschmann

Unter der Schirmmütze senkt sich der Blick. Die derben Sprüche verstummen, auch das T-shirt mit dem Totenkopf wirkt nicht mehr bedrohlich, wenn sich die sechs Männer aus der Malgruppe über ihre Bilder beugen. Vergessen sind die Gefängnismauern, sobald sie mit Gundula Schneidewind beim Malen über die Zeit spechen, als ihr Leben noch ohne Brüche war. "Da kommt Heiles ins Gespräch. Das stärkt sie für das zerbrochene Heute", sagt die Malerin und Kunsttherapeutin aus Roßdorf- Gundernhausen, die seit 1988 Mal-, Schreib- und Meditationskurse in Gefängnissen anbietet. Nicht um die Inhaftierten beschäftigt zu halten, sondern um ihnen zu helfen, den Alltag hinter Gittern und ihre Schuld zu bewältigen. Oft wirken die Gespräche tagelang nach, sagen die Teilnehmer. Beim Malen und in der Meditation kommen die Männer zu sich. Viele machen sich Gedanken über die Grenzen, die ihnen die Haft in ihrem Leben gesetzt hat. Die Klarheit und Ruhe, die Gundula Schneidewind mitbringt, überträgt sich auf sie. "Sie machen mit, weil ich es aus Überzeugung tue - das steckt an", sagt die Malerin mit ihrer glasklaren Ausdrucksweise, in der sanfte Autorität mitschwingt.

In der Arbeit mit Strafgefangenen bündeln sich die Interessen, die Leben und Arbeit von Gundula Schneidewind prägen: Meditieren, Malen und Lehren. Nach einem Kunststudium an der Akademie in Düsseldorf ging die Künstlerin, 1953 in Westfalen geboren, seit 1984 bei einem Zen-Meister in die Lehre. Inzwischen ist sie selbst Zen-Lehrerin und gibt Seminare und Kurse, die sie meist mit ihrer zweiten Ausbildung zur Kunsttherapeutin verbindet. Zen, so erklärt sie, sei ein Übungsweg, der den Meditierenden lehre, den Augenblick in seiner Fülle zu erfahren und bewusst zu leben. Ihr gefalle die Kargheit des Zen, seine Nüchternheit und die Reduktion auf Wesentliches. "Das ist wie in meiner Kunst", sagt sie in Hinblick auf ihre Malerei, die sie seit den farbenfrohen Anfängen an der Akademie - und abgesehen von bunten Karikaturen, in denen sie ihre humorvolle Ader auslebt - auf tiefschwarze Tuschelinien konzentriert. Darin verdichtet sich alltägliches Erleben zur Malspur, die "aus der Tiefe aufsteigt" und sich auf dem Papier manifestiert. Die Künstlerin formuliert darin ihr Echo auf einfache Lebensformen und Erlebnisse, auf einen Stein oder ein Gefühl beim Anblick aufsteigender Nebelschwaden oder das Plappern des Radios. Die Leichtigkeit dieser Tuschespur, die aussieht wie zufällig hingehuscht, entspringt meditativer Sammlung. Darin vereint sich handwerkliches Können mit einem wachen und intuitiven Prozess des Beobachtens und Reagierens.

Dass Zen-Meditation nichts mit vergeistigtem Abtauchen zu tun hat, sondern in konkretem Erleben wurzelt, erweist sich für Gundula Schneidewind besonders in ihrer Arbeit mit Strafgefangenen. "Ich bin dadurch politischer geworden", erzählt sie. Ihre anfängliche Angst vor der rauhen Klientel habe sich rasch gelegt, als sie sich mit diesen Persönlichkeiten "vertraut gemacht habe", wie sie sagt. "Da lernte ich Bereiche von Seele und Mensch kennen, die mir bis dahin fremd waren." Sich mit allen Sinnen auf Menschen einzulassen, auf Natur oder das hektisch-alltägliche Mediengeschehen, all das lehrt sie, was Leben in seiner Vielfalt bedeutet. Dem spürt sie auch in ihrer Malerei nach, forschend, lauschend, wach. Sie sagt, Leben ereigne sich im Tuschestrich. Weil ihr gerade in der einfachen Form das Wesenhafte vor Augen tritt, hat die Malerin seit ihrem Studium auch das Zeichnen kultiviert. Wie in den Tuschebahnen, die bei ihren Performances mitunter zu teppichgroßem Format anwachsen, reduziert sich auch in den Bleistiftminiaturen die Form zur Linie, strebt jeglicher Inhalt zu Auflösung und Stille.

Für ihr Engagement um einen menschenwürdigen Justizvollzug erhielt Gundula Schneidewind im Mai 2006 die Theodor und Friederike Fliedner Medaille, die die Internationale Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation jährlich an drei Persönlichkeiten der BRD verleiht. Die Künstlerin, die seit 1998 wöchentlich kreative Kurse in der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt leitet, wurde damit für die Entwicklung ihres therapeutischen Konzeptes geehrt.

(2006)

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