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Porträt: Malen ist für Manfred Staudt Bauchsache: Seelenzustände wachsen von innen auf Leinwand. Das Gestalten von Kirchenfenstern verlangt mehr Konzept. Drei Lagen Farbe zerfließen dort zum abstrakten Bild.

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In Farbe gegossene Sinnlichkeit

Porträt: Malen ist für Manfred Staudt Bauchsache: Seelenzustände wachsen von innen auf Leinwand. Das Gestalten von Kirchenfenstern verlangt mehr Konzept. Drei Lagen Farbe zerfließen dort zum abstrakten Bild.

Von Anja Trieschmann

Portrait: Manfred Staudt

Wenn die Sonne in die Spitzbogenfenster der Kapelle im Alten- und Pflegeheim Emilstraße zwinkert, fällt Buntlicht auf die hellgraue Innenwand. Drei Farbschichten, in bruchsicheres Isolierglas gebrannt, schimmern seit Dezember 2007 auf zwölf Glasscheiben der Kapelle, die ins denkmalgeschützte Heimgebäude integriert ist. Die neuen Fenster, von der Emilstraße aus zu sehen, bezeichnet Heimleiter Manfred Held als "ein besonderes Highlight": Sie markieren nicht nur eine neue Ära der Kapellennutzung, sondern sind auch das erste Kirchenfensterprojekt des Künstlers Manfred Staudt in seiner Heimatstadt Darmstadt.

Die zwölf Fenster, von einer Empore durchschnitten, zeigen Landschaften aus fließender Farbe, der Fantasie oder der Meditation entsprungen. Für Manfred Staudt ist der Symbolgehalt von Farben Bedeutungsträger. Nicht eindimensional lesbare Landschaftsmotive, sondern das Spiel der Farben im Sich-Überlagern, Glasschicht auf Glasschicht, leitet ihn in der Gestaltung. Dann lässt der Maler die "Lebensenergiefarben", die Gelb-, Blau- und Rottöne auf den Flächen "vibrieren" und ins Unterbewusste der Betrachter einsickern, wie er sagt. Nicht kognitiv verstehen, eher meditieren solle man die Motive, sich sinnlich berühren lassen. "Die Augen schließen und das Innere öffnen", so arbeite er, sagt Staudt. Denn was er transportieren will, in der Glas- und Leinwandmalerei, ist empfundene Stimmung, ist in Farbhaptik übertragene Sinnlichkeit.

"Künstlersein hat viel mit Egoismus zu tun", gesteht der alleinerziehende Vater von zwei Kindern und lächelt verschämt. Weil der Satz als Entschuldigung eines Rabenvaters missverstanden werden kann und Staudt es so nicht meint. Was er als Ego bezeichnet, ist in seiner Malerei vielmehr ein Ausdruck für verdichtete Seelenlagen und Hilfe bei der Verarbeitung persönlicher Prozesse. "Ich gehe beim Kunstmachen mit meinen Gefühlen um", sagt er und denkt dabei an den Verlust seiner Partnerin und Mutter seiner Kinder vor wenigen Jahren, den er sich in Farbe und Ausdruck von der Seele gepinselt und sich damit am Leben gehalten hat.

Während der Krankheit seiner Frau, als Trauer, Wut und Hoffnung miteinander stritten, entstanden die bisher stärksten Bilder. Anfangs beherrschten fröhliche Farbspiele die Palette, Manifest einer ertrotzten Hoffnung. Dann entstanden Landschaften: Drin zausen Winde durch Gestrüpp, furchen Getreidefeldern durch die Ähren, wühlen, tosen, fauchen in malerisch-gestischer Gebärde. Einsame Spaziergänge auf dem Oberfeld werden zu Bildern. Emotionen fahren wie Furien in Landschaftsmotive hinein, in denen Verzweiflung mit Lebenskraft ringt und die Farbe Schmerzerleben (be-)greifbar macht: Schwefelgelb giftet in gestischen Pinselgewittern, Asphaltlack schmiert über farbige Lebendigkeit, droht sie unter Wachs zu ersticken. Staudt nennt seine neuen Bildserien "innere Apokalypsen". Doch nicht ein Weltuntergang wird darin beschworen, sondern im Ausdruck der subjektiven Seelenlage, im Formfinden für das Ungeordnete, findet der Maler Trost. Die Landschaft hilft ihm dabei. Ein Novum seit dem Tod seiner Frau, denn früher schuf er ausschließlich abstrakte Bilder. Im Gegenständlichen konkretisiere sich Erleben, sagt der Autodidakt, der schon als Kind malte, beim privaten Zeichenlehrer übte, schon damals ungegenständlich. Doch auch seine aktuelle Malweise ist weit von Nachahmung entfernt. Landschaft ist für ihn Seelenlandschaft, mit dem Werkzeug Farbe modelliert und verfremdet; ist nach außen gespiegelte Stimmung, inszeniert als sinnliche Wahrnehmung.

Der Tod seiner Frau krempelte Manfred Staudts Leben um. Um die Familie zu ernähren, reicht die Kunst nicht hin. Als gelernter Kunstglaser verbindet der 1962 in Darmstadt geborene und seit 1983 freischaffend arbeitende Künstler sein bildnerisches Vermögen auch mit dem einträglicheren Handwerk. Seit Januar 2008 gibt Staudt zusätzlich Malkurse für Jugendliche beim Creativhof, einem Projekt der Cirkus Waldoni Initiative in der Grenzallee in Eberstadt, wo er auch ein Atelier mietet. Über die Malerei kanalisiert er dort mit den Jugendlichen Leiderleben und Lebensfreude und lehrt sie, durch gestalterischen Ausdruck ihre Seelenbalance zurückzugewinnen.

(2008)

© 2007 - 2009 by A. & A. Trieschmann - webmaster [at] kunstnotiz.de - impressum - $Date: 2009-01-20 15:51:40 +0100 (Di, 20 Jan 2009) $ - $Revision: 327 $