Porträt: Ohne Imagination funktioniert Malerei nicht, sagt Peter Thoms. Den Betrachtern seiner Bilder bietet der Maler Texturen, aus denen sie selber schlau werden sollen.
Von Anja Trieschmann
Worte sind nicht exakt. Im Grunde verschleiern sie die Realität, zu deren Abbildung sie antreten. Weil sie nicht bannen können, was sich im Prozess des Lebens wandelt, verschlingt Peter Thoms Worte und Buchstaben in seinen Bildern zu luftigen Gittern, schichtet er sie zu luziden Urwäldern aus farblich geronnenen Schriftzeichen. Leicht, voll Humor und meditativer Dichte verweigern sie dem Betrachter ihre Lesbarkeit. Text verdichtet sich zur Textur und büßt seine Funktion der Verständlichkeit ein.
Peter Thoms liegt nicht daran, dass seine Malerei, die er skripturale Malerei nennt, verstanden wird. Ihm genügt es, wenn sie anregt. Öffnen soll sie den Blick, die gewohnte Wahrnehmung an ihre Grenze führen, Fragen aufwerfen, sich sperren gegen Verinhaltung und Funktion. Zu genüge weiß der Maler, der, 1935 in Österreich geboren, nach Ortswechseln 1956 zum Studienbeginn in Darmstadt heimisch wurde, wie gesellschaftliches Funktionieren funktioniert. Mehr als 20 Jahre lang verdiente er für seine Familie die Brötchen durch rechtschaffenes Buckeln als Architekt. Und hatte doch lange, bevor er 1970 damit begann, schon genug davon.
Während des Studiums der Architektur war Thoms auch Schüler der Darmstädter Künstler Bruno Müller-Linow (Malerei) und Wilhelm Loth (Plastik). Mitte bis Ende der sechziger Jahre wetzte er sich die kunstanarchischen Hörner am normierten Kunstbetrieb wund. Und begehrte zynisch auf gegen die elitäre Denkmalskunst, indem er 1965 mit zwei Kollegen die Gruppe X gründete und dem Publikum seriell produzierte Massenkunst in Form beweglicher Multiples zum baldigen Verbrauch vorwarf. Der Betrachter sollte aus der Rolle des Bewunderers gerissen und zum Akteur provoziert, das Kunstwerk endlich vom Sockel der Ewigkeitsgeltung gestoßen werden. Alles Handschriftliche des Autors galt den Kunstanarchos als "Getue des Sich-Darstellens", das einfach eliminiert wurde: Statt zu signieren, stempelten die X-ler ihre Machwerke massenweise ab.
Das provozierte und faszinierte. Ausstellungstourneen durch Deutschland und Europa hielten Thoms und seine "lustige Truppe", die auch mit Fluxuskünstler Emmet Williams und Joseph Beuys auftraten, fünf Jahre auf Trab. Bis das Geld knapp und das Erwachsenen-Ich wach wurde. Thoms legte die Kunst ab und den Zeichenkittel an. Denn von Kompromissen zwischen Kunst und Brotberuf hält er nichts. Nach dem Ausscheiden aus der Arbeit 1994 tauchte er erneut ein in die Kunst. Warum? "Was soll ich denn sonst machen?"
Von seiner wilden Phase ist der Nonkonformismus geblieben. Und die Einstellung, dass Kunst keine Inhalte als nur sich selbst transportiert: Für Thoms ist Kunst ästhetische Form. Ein optisches Angebot, das jeder für sich nutzen kann. "In meinen Bildern gibt es keine Komposition. Doch unter dem Raster aus Linien liegt was Erzähltes." Was dort unter allen Bildern und Bildreliefs, die Thoms seither malte, liegt, ist stets ein und derselbe Text eines indischen Weisheitslehrers, den der Künstler zerstückelt, verfremdet, überschreibt. Warum gerade dieser Text? Geht es also doch um eine Botschaft? Thoms bleibt prosaisch, wenn er verneint: "Ich mag den Text einfach. Ich könnte nicht das Wochenprogramm eines Supermarktes so oft abschreiben!"
In den Bildern verdichtet sich ätherische Leichtigkeit mit fragiler Sinnlichkeit zum Energiefeld. Im Prozess des Schreibens, Wischens, Verzerrens und Wegnehmens zerreibt Thoms Worthülsen oder Buchstaben durch phantasievolle Varianten der Wiederholung und Überlagerung zu zarten Liniengespinsten. Meist bleibt die Farbigkeit verhalten, doch wenn ihn die Spontanität ankommt, schabloniert er auch kreischende Töne auf Leinwand, holt zu wilden Gesten aus, lässt Farbschlieren ihren Lauf. Prinzip Zufall vermählt sich mit Prinzip Konstrukt, der Maler zollt dem Material Respekt, indem er sich von ihm überraschen lässt. Was für ihn zählt ist die Transformation vom Text zur Struktur, vom Inhalt zur Form.
Seine Malerei vergleicht Peter Thoms mit Ausgrabungen: Wie sah die untergegangene Stadt, die dort in Trümmern liegt, wohl aus? Erst die Imagination schaffe das Bild, ist Thoms überzeugt. "Es muss dafür offen sein, dass sich der Betrachter aus dem Nichts etwas vorstellt." Im Prozess des Mal-Schreibens schreibt sich auch Peter Thoms? Gegenprogramm zur Hektik des zivilisatorischen Leistungsirrsinns ein, in den er selbst viele Jahre eingespannt war. Das kontemplative Erschreiben der Texturen bedeutet für ihn eine bewusste Haltung gegenüber der Prozesshaftigkeit und Offenheit des Lebens.
(2006)
© 2007 - 2009 by A. & A. Trieschmann - webmaster [at] kunstnotiz.de - impressum - $Date: 2009-01-20 15:51:40 +0100 (Di, 20 Jan 2009) $ - $Revision: 327 $