Eröffnungsrede zur Ausstellung "Annäherung - Baum-Zeichen" von Verena Guther und Annette Bischoff am 11.11.2007 in der Bessunger Kirche Darmstadt
Von Anja Trieschmann
11.11.2007 in der Bessunger Kirche Darmstadt
Kürzlich sprach ich mit einer Gruppe sechzehnjähriger Schülerinnen über Gedichte, über formale und stilistische Elemente, Reimschemata und Motive und schließlich auch über den lyrischen Sprecher und seine Position. Ich legte ihnen ein Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer vor, in dem ein nicht näher bestimmter Sprecher in einen Dialog mit jemand anderem tritt. Wer dieser Jemand ist, das sollten die Schülerinnen selbst herausbekommen. Das Gedicht ging so:
Jetzt rede du!
Du warest mir ein täglich Wanderziel,
viellieber Wald, in dumpfen Jugendtagen;
ich hatte dir geträumten Glücks so viel
anzuvertraun, so wahren Schmerz zu klagen.
Und wieder such' ich dich, du dunkler Hort,
und deines Wipfelmeers gewaltig Rauschen -
Jetzt rede du! Ich lasse dir das Wort!
Verstummt ist Klag' und Jubel. Ich will lauschen.
Die Schülerinnen durchkämmten also das Gedicht nach dem ominösen Gesprächspartner - und fanden Fantasiertes, einen Freund etwa, einen Vater, einen Fremden, nur auf das Naheliegendste kamen sie nicht: Dass hier jemand mit Bäumen redet. "Viellieber Wald", heißt es schon im zweiten Vers, und später "du dunkler Hort" - aber das übersahen sie geflissentlich, denn in ihrer Welt ist kein Platz für so ein Kuriosum: Mit einem Wald, mit einem Baum zu kommunizieren. Als ich sie nach vergeblichem Rätselraten schließlich mit der Nase auf die - meiner Meinung nach - glasklare Anrede der Bäume stieß, blickten mich ehrlich erschrockene Augenpaare an: "Ist der denn wahnsinnig, der Dichter? Der spricht mit Bäumen?"
Ist jemand wahnsinnig, wenn er oder sie mit Bäumen spricht? Sicher, allemal unverdächtiger ist es, über sie zu sprechen. Seit acht Monaten ist in Darmstadt der Disput über Bäume virulent. Im Rahmen der Ausstellungsreihe "Stetig wachsen - Sprechen über Bäume" haben künstlerische Ideenpools, örtlich verknüpft mit spirituellen Besinnungsstätten, die Betrachtenden auf verschiedensten Wegen neu für das Thema und das Lebewesen Baum sensibilisiert. Mit dieser nunmehr letzten Präsentation in der Bessunger Kirche, einer vielschichtigen und weitsichtigen Gemeinschaftsarbeit von Annette Bischoff und Verena Guther, schließt sich in gewisser Weise der Kreis: Hier bündeln sich nämlich ungezählte Themen rund ums Rundholz und hier werden unterschiedlichste Assoziationen impulsiv miteinander verknüpft, von denen einige bereits in den künstlerischen Äußerungen der zuvor ausstellenden Kollegen angeschnitten waren.
Hier wird durch Überlagerung und Überblendung von Bild- und Textmaterial dem wippenden Borkenkoloss eine poetische Hommage gesungen, vollgesogen mit Lebenssaft und reich an Bezügen, formal komprimiert wie Lyrik und gleichzeitig ausladend sowohl im Bilderspektrum als auch in der spielerischen Handhabung vielseitiger gestalterischer Techniken. Zeichnung schmiegt sich unter Grafik, Foto lagert unter Schrift, Druck und Ritzung, Malerei und Skizzenhaftes, Tagebuchfetzen, Landkarten und Stempelabdrücke - aus Schichten wuchern Geschichten, formiert sich Geschichte. Die Künstlerinnen tauchen ein in Bildwelten, die uns kreuz und quer durch Jahrhunderte und Kulturen, Wissenschaftszweige und Textsorten, Beziehungsebenen und Verwundungen und mitten durch Missbrauch und Mitgefühl führen. Mit dem Stilmittel der Bildcollage haben sie einen unergründlichen Fundus an Material über und von Bäumen miteinander in Tuchfühlung gebracht. Sie schicken uns Betrachtende auf eine Entdeckungsreise, die Neugierde und Einfühlung erfordert, die einer gehörigen Portion Kritik- und Lernfähigkeit bedarf und die das Staunen darüber lehrt, wie vielfältig der Baum in unseren Alltag hineinreicht, ohne dass wir dessen Präsenz noch irgendwie reflektieren würden.
Verena und Annette sind zwei, die reisen. Die Neugierde treibt sie dazu. Beide waren sie am Amazonas, jenem ungeheuer artenreichen Urwald in Südamerika, der durch des Menschen Hand und Herrscherwahn tagtäglich in Wüstenei verwandelt wird. Dem Abholzen des Amazonasgebietes gewidmet ist die Installation aus abgesägten Baumstämmen - übrigens hiesige Gehölze und nicht aus dem Urwald herübergeflogen - denn das wäre ja nur wieder eine neue ökologische Grausamkeit. Das Ausbluten der Urwälder, ihr Verschwinden und Veröden ist durch die Bemalung der Schnittstellen kenntlich gemacht. Die Kritik klafft offen wie eine Fleischwunde: Unter Anklage steht der Mensch, der sich in unberührte Natur hineinfrisst, hunderte Jahre alte Lebewesen, gewachsene Ökosysteme niederwalzt und Ödnis hinterlässt. Bis zu 1000 Pflanzenarten verschwinden auf diese Weise jährlich. Bis zum Jahre 2030 prognostizieren Experten die Ausrottung des gesamten Regenwaldes. Damit sind auch 80 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten auf der Welt vom Aussterben bedroht, denn die größte, teils noch unerforschte Vielfalt von Flora und Fauna lebt im Dschungel.
Kunst, die in der Realität verankert ist, bezieht kritisch Stellung. Doch mit dem moralischen Zeigefinger winken die beiden Künstlerinnen nicht. Der Blick in die Wunde ist ein Aspekt, den sie auch in ihren Collagen verarbeiten. Dazu kommen jedoch auch andere: Der Baum zwischen Amazonas und deutschem Wald wird darin besungen als Inspiration für Poeten, als konturstarke Grafik, als Kraftquelle für Glaubende, als Zeichen für Leben, Fruchtbarkeit und Familienabfolge. Der Baum wird darin beklagt als ökonomische Wirtschaftsgröße, als vom Menschen achtlos misshandelte und ausgebeutete Kreatur. Der Baum taucht darin auf als geografischer Orientierungspunkt auf Landkarten und uraltes Symbol kultischer Ahnen. Der Baum wird auch geehrt als biologisches Wunder, dessen mikroskopische Struktur in filigraner Verästelung ornamentale Qualität aufweist.
Die beiden Künstlerinnen sind es gewohnt, im stillen Kämmerlein ihre je eigene Handschrift zu entwickeln. Für die hier gezeigten 80 Bildquadrate haben sie eng zusammengearbeitet. Die Handschriften verwischen, kaum lässt sich entscheiden, welche Collagen von Verena Guther und welche von Annette Bischoff stammen. Diese künstlerische Symbiose ist meiner Meinung nach ein angemessener Umgang mit dem Thema Baum und Ökologie im weitesten Sinne: Denn nicht um die Bewahrung des Eigenen, sondern um ein Teilen, ein aufeinander Achten, um Rücksichtnahme und die Erfahrung gegenseitiger Bereicherung geht es, wenn man die Natur, den Baum als Lehrmeister anerkennt.
Um noch einmal zurückzukommen auf meine Schülerinnen, die so erstaunt darüber waren, dass jemand ernsthaft behaupten könne, er unterhalte sich mit Bäumen. Als ich ihnen dazu riet, sich einmal unter einen Baum zu stellen, den Kopf in den Nacken zu legen und ins Blätterdach zu blinzeln, dem Spiel der Sonne in den Blättern zuzusehen und dem Rauschen in der Krone nachzulauschen, da tippten sie sich zaghaft an die Stirnen. Sie erklärten mir, auf welche Weise sie mit Natur verführen - sie sagten Natur, nicht Baum, kategorisierten das Individuum ein in ein größeres unpersönliches Ganzes, um ihm nur nicht zu nah zu kommen. Natur also sei etwas für die Linse ihres Handyfotoapparates: Durchgucken - Klick - Fertig - nächstes Bild - durchgucken - Klick - Fertig usw. Mir scheint es die große Lüge unserer Zeit zu sein, dass die moderne Technik uns zu informierten, kommunizierenden, gar sehenden Menschen macht. Seit ein Mensch heutzutage drei Handys zu bedienen hat, ist seine Fähigkeit, mit einem Gegenüber wirklich zu reden, ihn zu hören, keineswegs gestiegen. Ebenso wenig hat ein Mensch, der im Urlaub 500 Bilder verknipst hat, die ihn umgebende Landschaft wirklich in sich aufgenommen, gesehen. Dieses Sich-durch-die-Welt-knipsen-und-telefonieren ist nur ein vermeintliches Schauen und Wahrnehmen des Gegenübers. Im Grunde verhindert das sterile Vorschalten der Technik die hautnahe Begegnung, und tiefergehendes Berührtwerden wird vermieden. Und damit auch ein Angesprochensein, das Verwandlung mit sich bringt oder Achtsamkeit mit dem Leben und die Fähigkeit, sich in Kreatürliches einzufühlen und mit ihm zu leiden. Als ich mich vor meinen Schülerinnen outete als eine, die mit Bäumen nicht nur redet, sondern die ihnen zuhört, von ihnen Trost empfängt und Kraft, hielten sie mich für unzurechnungsfähig. Was würden sie dazu sagen, wenn ich noch eins drauf setzen würde: Wenn ich den Wunsch hätte, ein Baum zu sein? Ich möchte mit einem Gedicht schließen, das diesen - in den Augen meiner Schülerinnen - undenkbaren Gedanken meditiert. Es spricht mir, die ich Bäume liebe, aus dem Herzen:
O Gott, ein Baum sein und nur stehen
nichts tun als stehen, still sich neigen
und lauschen nach des Windes wehen,
nur lauschen, beten und dann schweigen.
O Gott, ein Baum sein und das Licht,
das sprüht, wie ein Klavier bespielen;
und dann am Abend ein Gedicht
sein, fromm sein und den Abend fühlen.
O Gott, ein Baum sein und Musik,
auf tausend Blättern Silber sprühen,
zum Himmel streben und Musik
sein, nur Musik und singend blühen.
Und nichts als Baum sein, immer Baum,
am Morgen, Mittag, Abend starren,
geheimnisvoll und in dem Traum
von lauter Baum-sein still verharren.
© 2007 - 2009 by A. & A. Trieschmann - webmaster [at] kunstnotiz.de - impressum - $Date: 2009-01-20 15:51:40 +0100 (Di, 20 Jan 2009) $ - $Revision: 327 $