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Eröffnungsrede zur Themenausstellung "Endstation: Umsteigen" am 06.10.07 im Elisabethenstift Darmstadt

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Endstation: Umsteigen

Von Anja Trieschmann

Gewöhn dich nicht.
Du darfst dich nicht gewöhnen.
Eine Rose ist eine Rose.
Aber ein Heim
ist kein Heim.

Sag dem Schlosshund Gegenstand ab,
der dich anwedelt
aus den Schaufenstern.
Er irrt. Du
riechst nicht nach Bleiben. 
          

Verehrte Gäste, liebe Künstler, liebe Schwestern des Elisabethenstifts, ich starte meine Betrachtungen mit einem Gedicht von einer Frau, die in diesem Leben keine Heimat fand. Trotzdem wird sie die Dichterin des Dennoch genannt. Leider ist sie vor wenigen Jahren gestorben: Hilde Domin. Sie ist Jahre lang vor dem Unrecht geflohen, ist mehrmals nur knapp mit dem Leben davongekommen, und was sie daraus lernte, ist, dass es keine Sicherheit gibt im Leben, keine Heimat, nichts Verlässliches, dass das Unrecht fast immer die besseren Karten hat und dass - diesem ganzen Fatalismus zum Trotz - ein Dennoch immer möglich ist.

Endstation: Umsteigen heißt das Thema, auf das die hier - wie immer sensibel - zusammengestellten Arbeiten von zehn Künstlerinnen und Künstlern in irgendeiner Weise Bezug nehmen. Das Motto ist aus der aktuellen Situation geboren, in der die Schwesternschaft des Stifts und deren diakonisches Miteinanderleben und -teilen zur Zeit bis zum Halse stecken: Eine Situation, die nach Endstation riecht. In der, einem Trend der Gesellschaft folgend, Funktionalität über schlichte Mitmenschlichkeit siegt. In der Engagement durch Effizienz ersetzt wird und Barmherzigkeit durch Buchhaltung und Leidensbereitschaft durch Leitbilder und Mitgefühl durch Management. Eine Situation, die schlaflose Nächte macht und aufreibende Tage, weil es einen ohnmächtig zurücklässt, wenn man gegen Wölfe kämpft, die Schafen täuschend ähnlich sehen und immerzu beteuern, Schafe und nichts als Schafe zu sein.

Die Bedrohung, die von diesen vermeintlichen Lämmern ausgeht, ist nahezu unsichtbar, sie äußert sich subtil und schleichend und hinterlässt ein Gefühl der Ohnmacht oder gar der Resignation.

Wie in den Bildern von Dieter Motzel. Den Geschichten, die hier in Öl erzählt werden, entzieht sich schleichend ihr eigener Inhalt - nur eine Stimmung bleibt übrig, eine gedrückte, gewitterwolkenschwere, trostlose. Die darauf abgebildeten Menschen sind in ihre Arbeit versunken, doch ihre Geschäftigkeit scheint ziellos und unbestimmt. Lustlos vollziehen sie Handlungen, als wären sie fremdgesteuert und sähen keinen Sinn in dem, was sie tun. Und obwohl sie als Gruppe an einem einzigen Projekt beteiligt scheinen, besteht offensichtlich keinerlei Kontakt zwischen ihnen. In ihrer Gestik und Mimik nistet viel Endstation, auch wenn ihre Betriebsamkeit ein Umsteigen, eine Zukunftsperspektive vorgaukelt. Zudem lassen sich die Gegenstände, mit denen die Menschen hantieren, nicht näher bestimmen, und auch die Orte lassen mehrdeutige Konnotationen zu. Der malerische Realismus, aus dem Raum und Figuren ersteigen, ist zudem mehrfach gebrochen von irrealen Elementen, von Traumartigem, Widersprüchlichem, Uneindeutigem, das der Maler in seine bildnerische Narration hinein schmuggelt. Man würde den Figuren in Dieter Motzels Bildern wünschen, sich einmal genüsslich in eine Hängematte zu legen, um den Bann zu brechen, der sie zur Freud- und Ziellosigkeit verdammt. Oder um es mit den Worten des Dichters Günter Eich zu sagen:

Nein, schlaft nicht, während die Ordner 
	der Welt geschäftig sind!
Seid misstrauisch gegen die Macht, die sie vorgeben 
	für euch erwerben zu müssen!
Wacht darüber, dass eure Herzen nicht leer sind,
wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder, 
	die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl 
	im Getriebe der Welt! 
          

"Humankapital", ein Schlagwort trendigster Managementpraxis. Das Kapital des Menschen ist auszuschöpfen, erschöpfend. Erschöpft vom Kapital-Sein, ausgemergelt von der Maloche fürs Bruttosozialprodukt, so sehen die schmerzhaft in die Länge gezogenen Figuren von Sieglinde Gros aus. Der Faktor Mensch, wenn er um den Faktor Mitmenschlichkeit betrogen wird, schrumpelt merklich ein. Gezeichnet von den Spuren, die das Leben, oder hier die Kettensäge ins Fleisch treibt, steht der Mensch existenziell alleine da, unbehaust undunangesprochen, blockartig, kantig, reduziert. Ich möchte dazu noch einmal Hilde Domin zitieren, aus einem Gedicht mit dem Titel "Graue Zeiten":

...

Menschen wie wir wir unter ihnen
durften nicht bleiben
und konnten nicht gehen

Menschen wie wir wir unter ihnen,
Menschen wie ihr ihr unter ihnen
jeder

kann ausgezogen werden
und nackt gemacht
die nackten Menschenpuppen

nackter als Tierleiber
unter den Kleidern
der Leib der Opfer

... 
          

Es gibt noch andere Alternativen, mit dem ungeheuren Unwägbaren umzugehen, das irgendwo zwischen Endstation und Umsteigen, zwischen Sackgasse und Neuorientierung liegt. Eine Alternative ist Abwarten. In den Keramiken von Brigitte Ebert hat das Warten eine Komponente, die ich als "lauschendes Vertrauen" bezeichnen möchte. Die Körper gespannt, fast steif, jedenfalls unbeweglich, die Arme nicht angeschmiegt, sondern ein wenig vom Körper abgespreizt, scheinen die Figuren in sich hinein oder auf ein unhörbares, von außen auf sie zukommendes Geräusch zu lauschen. Die Haltung verrät weder Hast noch blinde Geschäftigkeit, sondern ein Warten auf den richtigen Moment, den Cairos, in dem sich der Körper wieder in Bewegung setzen und agieren wird.

Ein Warten ganz anderer Art zeichnet sich auch in einem Bild von Vera Fles-Schönegge ab: Die darauf abgebildeten Figuren, mehr Schatten als Individuen, stehen mit dem Rücken zum Betrachter und scheinen auf irgendetwas zu warten - aber nicht, wie Brigitte Eberts tönerne Mittlerwesen - in erwartungsvoller Körperspannung, sondern eher wie verschreckte Tiere. Geduckt und misstrauisch schleichen sie aus unergründlichem Waldbodenschlick und zwischen umnebelten Bäumen hindurch zum Horizont, der nichts verät als Unwägbarkeit. Die Farbgebung unterstreicht das dumpfe, sprachlose, starre Entsetzen, in das sich eine Spur scheuer Erwartung oder Sehnsucht mischt. Schließlich wartet Es auch in den Fotografien von Rena Bayer: Natur und Architektur halten den Atem an, manches Bauwerk anscheinend schon seit undenkbarer Zeit, da hat sich der Stillstand festgefressen, der Umstieg wurde verpasst, die neue Zeit ist daran vorbeigerauscht. Ein nicht wünschenswerter Zustand für die Schwestern des Elisabethenstifts.

Henning Wittmann formuliert einen stummen Protest gegen die schleichende Übernahme der Funktionalität. Er hat lakonisch die Sehnsucht zu Grabe getragen, die liegt unbeweglich unter einer schwarzen Basaltplatte, die anstelle eines Rammbockes das Ende der Reise markiert. Verheddert und verknäuelt haben sich die einstigen Tragfähigkeiten, die Nerven liegen blank. Eine andere Arbeit, minimalistisch in der Geste und gestopft voll Symbolik, streckt der auf Uniformität getrimmten Konsumperversion die Zunge heraus. Man dünkt sich individuell, ist doch schließlich jeder von anderen Lebenskratzern und -spuren gezeichnet - und fällt doch herein auf die Ikeamentalitäten, die einem was von Qualitätskontrolle und Effizienz vorlügen. Sag dem Schlosshund Gegenstand ab, der dich anwedelt aus den Schaufenstern. Er irrt.

Es ist nämlich alles ganz anders als es scheint. Ein schwarzes Quadrat ist gar kein schwarzes Quadrat. Man muss nur lang genug hinsehen, dann entbirgt sich ein Formgebilde aus Linien und Flächen, Schatten und Schattierungen, das dem anfänglich tiefschwarz erscheinenden Quadrat ein Innenleben abringt. Schließlich bedarf es sogar eines dritten Blickes auf die Wandobjekte von Ingo Arne Litschka, um die scheuen Verrutschungen der geometrischen Schattenrisse von Bild zu Bild zu bemerken. Es ist alles ganz anders als erwartet, man muss nur hinsehen - und nutzen, was da ist: Das vollzieht die Malerin Eva Leitschuh in ihren blassen, wie von dünner Haut überzogenen malerischen Formspielen. Der Zufall malte den ersten Farbklecks, Eva Leitschuh bemerkte ihn, als sie zuhause eine Faxpapierrolle aufwickelte. Der Klecks, ein Störfaktor eigentlich und unwillkommen, wurde zum Impuls für ein Spiel mit undefinierbaren Formen, die die Malerin aufgriff, verstärkte, entwickelte, wiederholte, löschte. Das Unklare als Moment der Inspiration wahrnehmen, ihm das Erschreckende nehmen und es verwandeln in ein Eigenes, das sagen die Bilder auf formaler wie inhaltlicher Ebene. Eine Endstation als Ansatzpunkt für eine Veränderung zu nutzen, das war auch die Initialzündung für die Unentspannungskissen von Barbara Storck-Brundrett. Ihr Atelier wurde aufgelöst, und zuhause war kein Platz für großformatige Bilder, die sie sonst malte. Dazu kamen jene schlaflosen Nächte, die gern einhergehen mit Sackgassen und Endstationen. Liegt´s am Kissen, dass ich nicht gut schlafe, fragte sich die Künstlerin, und gebar die Unruhekissen, jene schrillen aufgeplusterten Leinwände mit Epoxydharzüberzug, mit denen sie nicht nur persönlich Erlebtes auf humorvolle Art verarbeitet, sondern auch entschieden ihrer räumlich beschnittenen Situation begegnet: Fürs kleine Kissenformat braucht es kein Atelier mehr.

"Bilder sollen Schatten werfen auf die scheinbar so klare Wirklichkeit." So steht es in einem Katalog des Malers Uwe Groß, von dem die größten Leinwände an der Stirnwand des Stiftsaales stammen. Diese hochdisziplinierte und vielschichtige Malerei lebt von einem irrwitzigen Durchkreuzen und Durchdringen von Bildebenen, in denen Räumlichkeit, Gegenstände und Menschen zu Versatzstücken zerkrümelt und puzzelartig auf dem Bild angeordnet werden. Malerei wird hier zu einer narrativen Fabulierfläche, deren Geschichten nie zuende erzählt, sondern von anderen durchschnitten, fragmentiert, gelöscht oder verzerrt werden. Alpdruckartig hasten gleichzeitig tausende von Impulsen durch die Projektionsfläche, so ist Welt zum Verrücktwerden. Doch widersinnigerweise scheint das konzentrierte Chaos aus Formverschlingungen und Bildebenen den im Bild handelnden Personen nicht viel anzuhaben: Gelassen lungern sie beim Smalltalk herum, während ihnen gerade die Welt - oder ihr Inneres? - um die Ohren fliegt. Uwe Groß packt Ambivalenzen auf engem Bildraum zusammen: Organische Teilchen schweben um technoide oder kunststoffhaltige Details und menschliches Fragmentat herum, Farbraum trifft auf Perspektive, zeichnerische Linie auf malerische Fläche, Verspieltes verbandelt sich mit Alptraumartigem, Metamorphose mit Auflösung, Bedrängtheit mit Gelassenheit. "Bilder sollen Schatten werfen auf die scheinbar so klare Wirklichkeit." Genau das tun die Bilder von Uwe Groß: Man wird nicht schlau aus ihnen und sie interpretieren nicht Wirklichkeit. Aber sie stellen Fragen, reißen Widersprüche auf, irritieren und beunruhigen. Das ist es, was Kunst leisten kann. Und dieses Aufbrechen der scheinbaren Klarheiten ist schon beinah so viel wie ein Aufbruch. Und so wird aus der Endstation vielleicht doch noch ein Umsteigen. Mit den Worten von Hilde Domin verbinde ich abschließend den Wunsch, dass die Kunst, indem sie ihre Schatten wirft, die Wirklichkeit in ihrer Chaotik, aber eben auch in den darin schlummernden Möglichkeiten entlarven möge:

Die schwersten Wege
werden allein gegangen,
die Enttäuschung, der Verlust,
das Opfer,
sind einsam.

...

Und doch, wenn du lange gegangen bist,
bleibt das Wunder nicht aus,
weil das Wunder immer geschieht,
und weil wir ohne Gnade 
nicht leben können...
				
Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten. 
          

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© 2007 - 2009 by A. & A. Trieschmann - webmaster [at] kunstnotiz.de - impressum - $Date: 2009-01-20 15:51:40 +0100 (Di, 20 Jan 2009) $ - $Revision: 327 $