Eröffnungsrede zur Ausstellung von Angela Giesselmann am 06.03.2008 in der Computer-Akademie
von Anja Trieschmann
06.03.2008 in der Computer-Akademie Darmstadt
Eine einzige Formel dafür, was Kunst ist, gibt es nicht. Es gibt nur tausende und abertausende von Künstlern, die aus sich heraus sprudeln lassen, was drinnen bereits angelegt ist. Was hinaus drängt. Was sich Form, Ausdrucksbahn, Äußerungskanal sucht. Die einen erlegen sich für diesen Schaffensprozess Regeln auf. Sie brauchen die Strenge formaler Vorgaben, um sich an der Herausforderung abarbeiten zu können, um sich zu testen, um ihren Hunger nach Perfektion, Balance und Schönheit zu stillen. Und - um die Willkür vom Können, den Zufall vom gestaltenden Willen zu scheiden. Andere, Freiheitsliebendere vielleicht, legen Tretminen unter jede Form von Regelwerk, steigen mutwillig über Zäune, Schranken und Beschränkungen, über Tradition und Überlieferung hinweg. Sie sprechen vom Bauch, wenn sie den Ort meinen, an dem ihre Kunst entsteht. Dem Unter- oder Unbewussten, das mitreden darf im Prozess des Gebärens. Sie sprechen von Intuition, Wagnis und dem Geheimnis der Inspiration, die letztlich ein Rätsel selbst für diejenigen ist, die sich ihrer zu bedienen wissen.
Angela Giesselmann gehört wohl eher zur zweiten Gruppe der Kreativen. Und das, obwohl sie den Naturwissenschaften die meiste Zeit ihres Lebens näher stand als dem, wie sie sagt, "Feingeistigen". Das hat sich schleichend seinen Weg in ihr Dasein gesucht. Hat erst den Küchentisch ihrer Wohnung, dann die gesamte Küche, später ein separates Atelier in Beschlag genommen und eine unbekannte Seite in ihr zum Leben erweckt. Fast ohne ihr Zutun. Sie ist ihr einfach so passiert, die Malerei. Und obwohl sie von Brotberufs wegen mit Kalkül und Konstanten umzugehen versteht, gehört Angela Giesselmann doch eher zu den Gestaltenden, die an ein inwendiges Sprudeln glauben, das so lange vor sich hin blubbert und köchelt, bis es ein Ventil zur Entladung gefunden hat. Um eine Entladung, ein Ausströmen im wahrsten Sinn geht es ihr in einem Großteil ihrer Bilder. Da darf ausschwingen, was im Alltag beherrscht, gebündelt, gebannt ist. Da darf leben, was neben dem schönen Schein - sie arbeitet als Projektleiterin in der Werbung -, was neben dem Funktionieren und Berechnen auch noch da ist: Das Unkontrollierte, die Sehnsucht, das Unsagbare, das nur Ahnbare, das aber dem Wesen des Lebens näher kommt als das Eingewobensein in Funktion und Soll und die Logik des Einspluseinsistzwei.
"Kunst ist ein Strom, in ständiger Bewegung", sagte einmal James Johnson Sweeny. "Kunst ist nichts weiter als Rhythmus," postulierte im Gleichklang mit ersterem Kurt Schwitters. Angela Giesselmann lässt zum Ausdruck kommen, was kommen will. Was aus ihr herausströmt. Die Zeichenlinie wie einen Faden spinnen, im Rhythmus des eigenen Innern. Sie von Innen heraus ziehen, weiter, weiter, ohne abzusetzen, daraus kein Netz weben, nichts, womit man andere gefangennehmen, ködern, hinters Licht führen könnte. Nichts: um---zu. Vielmehr Linien wie Horizonte ziehen, in denen Weite ahnbar wird. Augen fahren die Linie ab, spielen Pingpong. Es schlängelt sich eine Schriftspur ohne Schrift, ohne nachahmbare Lautung, ohne Forderung nach Verstehen und Reagieren und Kommunikation. Eine Schriftspur, die einfach Spur, ins Leben geschabt sein will, eine Hinterlassenschaft des Unbewussten, des Vorsprachlichen. Nonsense-Geplapper. Oder, wie es die Surrealisten zum Credo erhoben: Automatisches Zeichnen. Der Verstand hat Pause. Der Stift ist direkt mit dem Unterbewusstsein verknüpft und schreibt und schreibt, unreflektiert. Damit der Sprache ein Schnippchen schlagen, ureigene Zeichen graben, Hieroglyphen der Seele, Rätselspuren wie Ornamentstuktur, gleichzeitig Dekor und Entäußerung.
Zeichenspuren tauchen in den Bildspielen von Angela Giesselmann in unterschiedlichen Varianten auf. Als unaufhörlich fließende Geheimschrift ringelt sie sich vom linken oberen Bildrand in Scheinschrifthorizonten den Bildträger hinab, bricht irgendwann ab, verästelt sich in verspieltem Linienornament, verzückt sich wieder in Kringeln und Kapriolen, versteckt sich, taucht ab und irgendwo anders wieder auf. Zeichenspuren verdichten sich aber auch zu entzifferbarer Schrift. Das Auge folgt dankbar dem Kommunikationsangebot, "Hier darf alles so sein wie es ist", steht da - und bricht plötzlich ab, der Sinn verwischt, knickt ein, Sätze hängen in Fetzen, was da, für Augenblicke, erkannt werden darf, bleibt Fragment, ist nie mehr als nur eine Ahnung, nie gelingt ein vollkommenes Bild, ein vollkommenes Verstehen. Schließlich kratzt der Stift auch Zeichenspuren wie Kinder sie kratzen: eine zittrige Linie, ein Kreuz, ein Strich hier, ein Schaben da - und die Balance im Bild ist wieder hergestellt. Nicht der Verstand weist solche Spuren an, es sind Spuren der Intuition, die sich ereignen, ungesteuert, unvoreingenommen, Spiel einer Geste.
Friedrich Nietzsche bezeichnete die Kunst einmal als einen "Überschuss", ein "Ausströmen von blühender Leiblichkeit in der Welt der Bilder und Wünsche" und als "Erhöhung des Lebensgefühls, als Stimulanz desselben". Was da malerisch aus Angela Giesselmann über-schießt, was aus ihr heraus explodiert, das hat etwas mit Lebensfreude zu tun. Mit einem Überschuss an Energie, an inneren Bildern. Helle freundliche Farben tummeln sich auf ihren Großformaten, in denen sie Impuls und Geste von der Leine lässt. Dort sprießen Kreisel und Tropfen und Wirbel, da purzeln undefinierbare Farbquader durcheinander, von denen manche bersten, vor Freude scheints, da sprenkelt Farbe wie wild geworden übers Bild, als hätte sie jede Lust verloren, sittsam am Pinsel kleben zu bleiben und artig Figuren zu malen. Ein Ab- und Auftauchen, hintereinander vorlugen und verstecken taumelt da über die Leinwand, spontan und unverstellt, dazu passend die Reißzwecken, die statt eines Rahmens die tuchähnlichen Bildfahnen direkt und unvermittelt präsentieren. Pralles Leben, Energie und Spiel versammeln sich auf ihren Bildern, ein zappeliges Vibrieren im Rhythmus der Erkenntnis: Das Leben ist nie ausschöpfbar. Es taucht auf und ab, ist hier und da - und immer fasst man nur einen Zipfel davon und hinter dem einen spickelt wieder ein anderes Fitzelchen hervor, das man noch gar nicht wahrgenommen, noch gar nicht genossen hat. Und es sieht, je nach Lichteinfall, je nach Perspektive, immer wieder anders aus. In die Tasche stecken, es verstehen, wird keinem je gelingen. Schicht um Schicht bleibt es rätselhaft und voller Energie. Es braucht Zeit, die Details zu sehen, sich dran zu freuen und nicht vom Großen Ganzen überfordert zu werden.
Dort, wo Angela Giesselmann formalistischer, reduzierter, strenger arbeitet, nutzt sie schlankere oder kreisrunde Bildträger für ein dezenteres, weniger wildes Ausschwingen. Doch mit Schwung hat ihre Malerei auch in diesen Exponaten zu tun, sei es in der Wellenform, die sich in den - ich nenne sie mal - Bullaugen schlängelt, mal in disziplinierter Linierung, mal psychedelisch verwunschen. Oder aber in ihren reliefähnlichen Fassadenbildern, in denen sie den Pinselschwung einfasst, ebnet, kanalisiert, so dass es aussieht, als seien in einem Haus viele Fenster erleuchtet. Rot als die Farbe der Energie, der Liebe auch und Zugewandtheit, aber auch der Aggression, des pulsierenden Lebens, hier in Abtönungen, in den verschiedenen Aggregatzuständen platziert, sendet Signale. Etwas ist dahinter, sagen diese Öffnungen in der Spachtelmasse, nur was, verraten sie nicht. Selber sehen ist die Devise. Selber denken und erfahren und fantasieren.
Angela Giesselmann lässt beides in sich leben: Das Explosive, Sprudelnde, Berstende, aber auch das Geordnete, Klare, den Wunsch nach Mitteilbarkeit. In ihrem malerischen Ausdruck haben beide Bedürfnisse ihren Kanal gefunden. Wichtig ist ihr dabei, der inneren Spur zu folgen. Warum malen? Um den Dingen, die in mir sind, Raum zu geben, sagt sie. Sich dabei von niemandem hineinreden zu lassen und niemandem das Recht zu geben, das, was da ungefiltert aus ihr hinaus will, vorschnell zu beurteilen. Wenn sie andere daran teilhaben lässt, dann als ein Angebot, Einblick in ihre Innenwelt zu tun, sich ein bisschen auf die andere, fremde, einzulassen und den Weg ein paar Schritte mitzugehen. "Denn" - so sagte der Dichter Rainer Maria Rilke über die Kunst, "vergessen Sie nicht, dass Kunst nur ein Weg ist, und nicht ein Ziel."
© 2007 - 2009 by A. & A. Trieschmann - webmaster [at] kunstnotiz.de - impressum - $Date: 2009-01-20 15:51:40 +0100 (Di, 20 Jan 2009) $ - $Revision: 327 $