Eröffnungsrede zur Ausstellung "Meine Art" von Hans-Uwe Hoffmann am 01.03.2009 in der Galerie Hellhof/Kronberg
Von Anja Trieschmann
01.03.2009 in der Galerie Hellhof/Kronberg
Zwischen Himmel und Erde ist folgende Geschichte angesiedelt: Wir schreiben das Jahr 1930. Nachtflüge waren - zu dieser Pionierzeit der Fliegerei - noch ein unkalkulierbares Risiko, ihr Gelingen abhängig von der Witterung. Der Postflieger Fabien überquert auf Anordnung seines Chefs Argentinien bei Nacht. Ein Sturm zieht auf. Am Boden verfolgt Rivière, Fabiens Vorgesetzter, der ihn veranlasst hat, den riskanten Flug zu unternehmen, den Funkverkehr zum Piloten. Als der Funkkontakt abbricht, erkennt Rivière, welche Verantwortung er als Vorgesetzter trägt. Doch er kann nichts mehr tun, nur noch berechnen, wann Fabien wohl abstürzen wird. Dieser Todesflug stellt das Weltbild des Fluglotsen, der bis dato an die strenge Einhaltung des Flugplans geglaubt hatte, in Frage.
Der Roman "Nachtflug“, dessen Inhalt ich eben kurz skizzierte, stammt aus der Feder des Piloten Antoine de Saint-Exupéry. Ein nachdenklicher Mensch. Einer, der auf den Rausch des Fliegens, des Zwischen-Himmel-und-Erde-Hängens so versessen war, dass er trotz mehrmaliger Abstürze nicht davon ließ. Der darüber nachdachte, ob es eine höhere Instanz, einen Flugplan also, gibt, der höher zu bewerten ist als ein Menschenleben. Exupery war ein Mensch, der sich in technischen Details und ebenso in philosophischen Betrachtungen verlieren konnte. Einer, der wahre Männer und Helden in seinen Büchern beschwor und sich im Innern dann doch nach einer weichen warmen Beziehung zu einer Frau sehnte. Ein Neugieriger und Zweifler, einer, der sich seine existenziellen Fragen, seine Träume vom Menschsein und von der Liebe regelrecht vom Leib schreiben musste, um im Gleichgewicht zu bleiben.
Gleichgewicht - ein wesentliches Stichwort auch für Hans-Uwe Hoffmann, dessen vielseitigem Werk wir heute begegnen. Auf der einen Seite ist da die ungebrochene Leidenschaft für Flugzeuge und für die Berechenbarkeit der Technik. Auf der anderen Seite die kreative Äußerung - als Gegenentwurf: ein Ventil für ein bis aufs Äußerste gespanntes Welterleben, das voller dramatischer Gegensätze und von einiger Komplexität ist. Da schlummern einerseits Entgrenzungssehnsüchte, in die Bildsprache viriler Potenz und universaler Fantasien gebettet. Andererseits treibt ihn das Geheimnis um die menschliche Psyche tief ins Innerseelische, in humane Abgründigkeiten und Engen hinein. Ernsthaftigkeit und humoristische Leichtigkeit bilden ein weiteres Kontrastpaar. Für spaßige Seitenhiebe auf Gesellschaft und Zeitgeschehen nutzt er mit Vorliebe die Technik der Collage, in der verschiedene Bildebenen munter zusammen gewürfelt und dennoch zu ästhetisch ansprechenden Kompositionen verschweißt werden. Auch eine kritisch-bissige Auseinandersetzung mit aktueller Politik findet sich in den Motiven seiner Malerei. Klares Interesse an vermittelbaren Inhalten also. Aber genauso hat das von jeglicher Botschaft losgelöste lustvolle Zerreiben von Farbe seine Berechtigung: das Hin- und Herschieben und Fließenlassen von klebriger Acrylmasse als rein haptisches Erleben. Das Wesen von Hans-Uwe Hoffmann umspannt einen weiten Kosmos an Interessen und Beschäftigungen und das spiegelt sich schließlich in einer fast unüberschaubaren Fülle an Themen und Motiven, Malstilen und Techniken wieder.
"Ich will rauslassen, was in mir drin ist“, sagt der Maler und meint seine Bilder. Sein Ventil. Das er jahrzehntelang als Gegengewicht für die technische, die flugplanbegeisterte Seite in seinem Leben brauchte. Wie Exupery war auch er beruflich mit der Fliegerei beschäftigt und glaubte dabei felsenfest an Flugbahnverwaltung. Mit ihrer Hilfe regelte er zwischen 1958 und 1991 das minutiös berechnete Aneinander-Vorbei-Treiben der Luftschiffe am Himmel. Doch computergesteuerte Flugbahnkoordinaten und staubtrockenes Lotsenalphabet tauchen eher als Randerscheinungen in seinen Bildern auf. Dort darf endlich einmal Undurchschaubares, darf der Mutwille der Bauchentscheidung herrschen. Dem Berechenbaren die Sinnlichkeit, dem Planbaren das unvorhersehbare Geschehen entgegen halten - das ist ihm seit seinen malerischen Anfängen 1965 wesentliche Triebkraft für das Eintauchen in Farbkosmen und Formspiele, die sich mehr der Intuition als der Logik verdanken.
Manche Bilder, sagt er, fliegen einfach aus ihm heraus. Eruptiv, dynamisch, voll dramatischer Geste. Andere kosten ihn richtig Energie, strengen ihn an. Bis ein Thema, eine Idee in ein kompositorisches Gefüge aus Farbe und Form übertragen ist, bis der Malprozess zu einem erfolgreichen Ende gelenkt ist, bleiben Geist und Körper in Anspannung. Es sind geheimnisvolle, unerklärliche Prozesse, die da in ihm ablaufen. Nicht logisch, nicht planmäßig steuerbar. Selbst das Ende des Prozesses ist nicht vorhersehbar, auch nicht vom Künstler Hoffmann selbst: "Ein Bild ist fertig, wenn mein Bauch Ja sagt“, ist seine einzige Erklärung für ein abgeschlossenes Projekt.
Hans-Uwe Hoffmann bedient sich in seiner Malerei jener Kräfte, die sich - trotz wissenschaftlicher Annäherungen seitens der Psychologie - menschlichem Wissensdrang höchstens fragmentarisch erschließen. Nicht von ungefähr setzte der Maler, nach frühzeitig abgeschlossenem Erstberufsleben, noch ein Psychologiestudium drauf. Den Himmel hatte er jahrzehntelang im Griff gehabt - aber das menschliche Wesen, dieser Fremdkörper, dieses Universum, das nach ganz eigenwilligen Regeln funktioniert, blieb ihm rätselhaft. Das Studium gab ihm Handwerkszeug - das Geheimnis allerdings klärte es nicht. Mit Farbe lotete er die menschliche Seele allerdings schon länger aus. "Die Kunst“, so formulierte einst der russische Schriftsteller Leo Tolstoi, "ist das Mikroskop, das der Künstler auf die Geheimnisse seiner Seele einstellt, um diese allen Menschen gemeinsamen Geheimnisse allen zu zeigen.“ Das Fremde im anderen also als das Eigene sehen lernen, um sich damit zu versöhnen. Um den oder die andere und schließlich sich selbst zu verstehen. Das könnten Anliegen sein, die hinter der Malerei von Hans-Uwe Hoffmann stehen.
"Annäherung", "Eifersucht", "Angst" lauten einige Titel seiner Bilder, in denen er mit Farbsymbolik und intuitiver Malgeste jene innerseelischen Dramen auf die Leinwand zu übertragen versucht, die sich dem Verstand entziehen. Bilder, in denen die Farbe selbst zum Träger der Emotionen, zum Substitut für den Menschen wird - da steht Gold für Wertvolles in einer Paarbeziehung, Rot für Leidenschaft und Liebe, Blau für Sehnsucht, Ruhe und Weite. Indem er diese uralte Sprache der Farbsymbolik verwendet, kommuniziert Hoffmann allgemein menschliche Belange, so dass sie jeder intuitiv versteht. Auch ohne die Formsprache, die stilisierten Figuren, die konzentrierte, oft schemenhafte oder surreal verschachtelte Motivik im Detail entziffern zu müssen. Ebenso lesbar soll die Kontrastierung Hell-Dunkel sein, das Spiel mit Lichteinfall und Schatten, das einem inhaltlichen Aspekt Folge leistet: Es ist ihm nämlich nahezu zuwider, dunkle Farbtönungen für sich allein stehen zu lassen. Das helle, oft kraftvoll ins Gedämpfte hineinbrechende Lichtmoment verkörpert für ihn "das Prinzip Hoffnung", das er in seinen Bildern transportieren will.
Eng mit dem Thema der Psychologie verwandt ist die Mythologie, eine weitere Bildquelle, aus der der Maler schöpft. Doch nicht um eine Illustration der archaischen Überlieferungen geht es ihm, sondern um das Auffinden des allzu-Menschlichen darin, des Archetypischen, das, wieder, für uns alle gleichermaßen Gültigkeit besitzt. Wie viel Odysseus steckt in jedem von uns, wie viel Nachgiebigkeit und Mitgefühl mit einem geliebten Menschen, und wie viel schicksalhaftes Rückblicken, das immerzu die Erlösung verhindert? Welche Bomben ticken im Keller der Seele, die, wenn man an sie rührt, wie Pandora an ihre Büchse, die ganz persönliche Katastrophe hereinbrechen ließen? Hans-Uwe Hoffmanns Eigenart ist es nun, in seine Bilder solche Bewegungen hineinzumalen, die den Ursprungsmythos in ein ambivalentes Licht rücken und den inhaltlichen Akzent vieldeutig verschieben: Vielleicht ist, was man da sorgsam in seiner Bewusstseinsbüchse versteckt hält, gar nicht so explosiv, wie man annahm - und beim Öffnen des Deckels käme ein Wohlgeruch, nämlich der der Hoffnung, zum Vorschein? Seine Bilder, etwa das mit dem Titel "Pandora", gibt keine einzig gültige Lesart vor. Sie wollen anregen zum Assoziieren, zum Nachdenken, zum sich Hineinfühlen. Bauchgespräche, nicht kognitive Diskurse sollen in Gang kommen. Oder wie es Antoine de Saint -Exupéry an einer Stelle in seinem Roman "Nachtflug" schreibt: "Es gibt keine Lösungen im Leben. Es gibt Kräfte in Bewegung, die muss man schaffen, die Lösungen folgen nach."
Womit wir noch einmal beim Thema Fliegen wären: Diesem Zustand in der Schwebe, zwischen Himmel und Erde, abgelöst von den Bedingungen des Alltags - und den Wundern der Natur, des Kosmos ausgeliefert. Ein weiteres Thema von Hans-Uwe Hoffmanns Pinselforschungen also: der Weltraum, die Landschaft. Umraum und Freiraum im weitesten Sinn, wie immer bei ihm auch ins Innere gekehrt. Deshalb betitelt er auch ein Bild, das aussieht wie eine Galaxie, als "Meditation". Innen und außen fließen in eins. Um Freiheit, ums Loslassen geht es in den Bildern, um etwas, das als Seelenzustand oder Wunsch an Vollkommenheit heranreicht. Daher auch das Element der Kugel, dieses Symbol der vollkommenen Form, die der Maler gern ins Bild nimmt, an der er sich wie an einer Sehnsucht regelrecht festklammert. Ein anderes Gleichnis für Einsheit in diesen Bildern ist das Ineinander-Verschlingen und Miteinander-Ringen gegensätzlicher Pole: Mann - Frau, Blau - Rot, Licht - Dunkel. Die Kontrahenten gehören zusammen, nur sie gemeinsam ergeben ein Ganzes, meint Hoffmann. Nur in ihrer Versöhnung, im Sich-Aufeinander-Beziehen geschieht Sinnfindung.
Und auch für die Landschaften - es sind ja innere, surreale und äußere zugleich - gilt: Nicht Abbildung, sondern Aufladung des Gesehenen mit Stimmung, mit Emotion ist Antriebskraft und Äußerungswille des Künstlers. "Ich will Landschaften so abbilden, wie sie in meinem Kopf als Symbol leben", sagt er - und deshalb ist auf dem Bild "Nordkap" nicht vielmehr zu sehen als ein Stürmen und Kleckern, Gleißen und Fließen von schweflig gelben Lichtklümpchen. "So war die Stimmung, nur für Minuten - völlig atemberaubend", erzählt Hoffmann mehr als 30 Jahre nach diesem Naturerlebnis, dem er tatsächlich beiwohnte und das ihn damals zur Leinwand trieb. Und das, als Natur, dennoch ein ganz anderes ist als das Geschehen von Farbe und Struktur, das Hoffmann ins Bild gebannt hat.
In den Bildern von Hans-Uwe Hoffmann geht es um alles oder nichts. Um Weltuntergänge, die kleinen und großen Dramen der Alltagsbeziehungen, um das tägliche Sterben und Aufbrechen im Innern. Um den Existenzkampf zwischen Leben und Tod. Um das außerordentlich bizarre Geschehen zwischen Himmel und Erde, zwischen Logik und Emotion und Intuition, das denen, welche es beobachten wie er, ein Staunen abringt. Nicht Todesflüge sind es, wie im Roman von Exupery, sondern Flugversuche ins Leben hinein, vollgesogen mit Hoffnung. Ihnen allen wünsche ich, dass sie diese Leidenschaft fürs Leben darin entdecken und sich davon anstecken lassen.
© 2007 - 2009 by A. & A. Trieschmann - webmaster [at] kunstnotiz.de - impressum - $Date: 2009-03-03 17:57:19 +0100 (Di, 03 Mär 2009) $ - $Revision: 350 $