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Eröffnungsrede zur Ausstellung "Skulpturen und Bilder" von Detlef Kraft am 10.02.2008 in der Galerie Lattemann

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Detlef Kraft - Skulpturen und Bilder

Von Anja Trieschmann
10.02.2008 in der Galerie Lattemann

Kunst hat was von einem Wunder. Denn sie lässt einen, während man schaut, während man sich von ihr bannen, von ihr schlucken lässt, Zeit und Raum vergessen. Lässt einen abtauchen in eine in sich geschlossene Welt, die wie eine Ahnung von Vollkommenheit ist: Denn sie ist einmaliger Ausdruck eines einmaligen Schöpfergeistes, in einmalige Form gegossen, ist Erkenntnis, die auf ihre Essenz konzentriert, verdichtet, verwesentlicht ist. Und trotz dieser formbedingten Geschlossenheit reißt Kunst, die diesen Namen verdient, Fenster auf, öffnet Ausblicke auf andere Welten und macht diese erfahrbar oder zumindest fantasierbar, denkbar.

Kunst ist verwandt mit dem Wunder. Weil sie so köstlich zwecklos ist. Weil sie alles Fragen nach den Warums und Wozus überflüssig macht - man schlägt sich dran nur die Stirne blau, wenn man fragt: Warum stellt einer mit Farbe übergossenen Abfall aus? Warum sind die Lederfetzen auf den Bildobjekten von Detlef Kraft nur so unordentlich geknüllt? Und warum sind seine Figuren alle in eine so straffe Bronzehaut gezwängt wie in eine Gummihülle? Man wird nicht glücklich mit Warumfragen und solch kopfschüttelndes Fragen schießt auch genau an der Erlebnisqualität von Kunst vorbei, an ihrem außerordentlichen Genuss, der macht, dass man für einen Augenblick aus der alltäglichen Ordnung herausgeschleudert wird und mit der Chance konfrontiert, alles einmal ganz anders sehen zu dürfen.

Kunst hat Teil am Wunder, weil sie IST wie sie ist. Weil sie in gewisser Weise Geschenk ist - und die sinnvollste Art der Verschwendung. Ohne "um... zu", ohne erkennbaren Nutzwert für die Menschheit, ohne ANTWORT. Weil sie nicht so tut als ob, weil sie einem nichts verkaufen und niemanden zu etwas überreden will. Weil sie keine Ansprüche stellt, einem nicht auf den Geist geht, weil sie einen in Ruhe lässt - zur Ruhe kommen lässt mitunter. Aber man muss den ersten Schritt selbst tun, muss es wollen: Das Sich-einlassen, das Hinschauen, das Sich-treiben-lassen hinein in eine nicht logisch verstehbare, nur mit den Sinnen begreifliche Welt, eine Welt, die Kopf steht und nach anderen Gesetzen funktioniert, als man das gewohnt ist.

Kunst lässt sich nicht erklären: Sagen die Künstler, die nach Worten ringen. Sagt Detlef Kraft, als ich ihn vor Jahren frage, was das Wesen seiner Kunst sei und warum er Bronzefiguren in gummienge Häute sperre. Er wand sich, kramte nach Sätzen, fand keine, schwieg. Ich war zu meinem Schrecken darauf zurückgeworfen, selbst zu schauen, zu begreifen, zu betasten, zu beschnuppern. Was, wenn ich etwas Falsches hineinsah ins Kunstwerk, schnurgerade dran vorbei an dem, was der Künstler sagen wollte?

Kunst geht mit dem Erklären kaputt, ihre Lebendigkeit, das Geheimnis der ihr innewohnenden verwandelnden Kraft entweicht, wenn man in Worte zwängt, was in Worte nicht passt. Denn alles, was sie, die Kunst, ist und will und kann, ist Geschöpf, Schöpfung SEIN und diesen Prozess des Schöpfens weitergeben: Heißt: Zum Selber-Schöpfen anregen. Neues entstehen lassen, in der Vorstellung der Betrachtenden, in ihrem Empfinden. Heißt auch: Vorgefertigte Vorstellungen gründlich durcheinander wirbeln, alles auf den Kopf und in Frage stellen, damit neue Ordnungen entstehen können. Das ist Ausdruck von Leben: Verwandlung.

So werde ich Sie nicht mit Vorgekautem abfüllen, damit das Leben, das sich in Ihnen regen will, nicht erstickt wird. Und damit Sie sich nicht in Sicherheit wiegen und sagen können: Jetzt habe ich es verstanden! Erst das Steckenbleiben, so sagte einer einst, das Steckenbleiben ist der erste Schritt zum Verstehen. Und vielleicht will Kunst gar nicht verstanden, sondern nur geschaut werden. Vielleicht will sie, dass wir reagieren, mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln. Vielleicht will sie uns zum Steckenbeiben verleiten. Vielleicht will sie uns in ein Gespräch verwickeln. Das Folgende ist mein Versuch mit Detlef Krafts schöpferischer Vielseitigkeit, mit seinen Bildern und Bildobjekten, seinen Decollagen, Assemblagen und Plastiken, die in ihrer Mehrsprachlichkeit doch alle unverkennbar seine Handschrift tragen, ins Gespräch zu kommen.

Die Bronzefiguren

Eine Frau mit Leguan, ein Pferd, eine Schildkröte, eine Kuh
ist doch klar sieht doch jeder
saß eine Frau Modell, ein Leguan, ein Pferd, eine Schildkröte, eine Kuh
Abbild gebannter Realität?
ABER--
hat die Frau aber zu hohe Stirn - so sieht aber doch kein Mensch aus
hat die Frau aber zu enge Haut, kann sich kaum drin rühren
hat die Frau aber zu blinden Sphinxblick
um Abbild zu sein
Hautpanzer - Hautwehr
schwarzspiegelnde Schutzhaut
Hülle und Behausung eines verletzbaren Innern
Beherbergung Bergung Beruhigung Balance
Kontaktstelle Haut
sich jemand von der Pelle halten, sagt man
Blicke gleiten an Glätte ab 
verfangen sich im Spiegelbild
da bin ICH drin
da wirft mir die Hautglätte mich selbst zurück
mein Bild - Zerrbild
meine Sehnsucht nach Schutz, Abschützung
schmeichelglatte Schwelle
darf niemand eindringen ungefragt
ins unterm hinterm Hauteng
(drin das Wesen wohnt)
und in die Zweisamkeit Frau-Leguan
hält sie den Leguan als wollte sie ihn küssen
hält ihn wie eine Liebkosung
damit nichts zerdrückt
hält ihn sich vors Gesicht
guckt aber gradewegs an ihm vorbei
und er an ihr
Kräfte weichen auseinander - spreiten Spannungsbogen
Berührung Anrührung im Widerstreben
Natur - eine Frau ein Leguan - auf Wesenhaftigkeit geschmolzen

Achtung, der Künstler im Orginalton: Um eine Kuh
	(wahlweise eine Frau, einen Leguan)
	in ein kleines Stück Gips zu kriegen,
	muss ich es lange anschauen, Fotos sammeln,
	den Geruch einsaugen 
- um das Kuhige (Frauige, Leguanige) in Form zu übersetzen,
	um es von Natur in Plastik zu transformieren, passiert ein
	Wegreduzieren, ein Einschmelzen auf das Wesen der Form.

Die Assemblagen

Es geschah beim Holzhacken im Vorbeigehen im
	ichweißauchnichtwie
also nebenbei und ungeplant
zu Anfang
ein Klotz zur Seite geräumt
ein Geweih ein Schädel ein Playmobilmännchen
Handschuhe, Rippenreste, Steinemuschelnstrandgut
Plastikbruch, Plastikfund, Plastikschmelz
Materialmetamorphosen
die Dinge zum Dialog drängen
manche sperren sich - sind egomanisch -
	vertragen sich nicht mit anderen 
wann sich was verträgt
langes Lauschen - hinein ins Wesen der Dinge
bloß nicht drängen drängeln
ihnen die Zeit lassen, die sie brauchen
zum Schmelz Schmelzen Verschmelzen
zum Neueswerden und aus der Form springen
und hinein in eine neue Rätselhaftigkeit
drin steckenbleiben
und?

Die Übermalungen

Malen ist Schütten
aus Kübeln schöpfen
Pinselsud auskippen, einem Stück Papier eintränkenträufeln,
das - saugen schlürfen lassen bis es satt ist
Pinsel schütteln, übers Papier zittern 
die Herrschaft für Augenblicke aus der Hand geben
pssst
- der Zufall bei der Arbeit
bei seinem Spiel zuschauen
dann -- Warten
dann dem Ereignis Farbe einen Schubs geben
flaumleicht, nur hie und da
das ist Musik, wie Improvisieren
ein Klang eine Melodie schwappt im Raum
darauf hören damit spielen darauf reagieren
eigene Melodien setzen
Melodie als Impuls
ohne sich den Puls zu fühlen
aber pulsieren vagabundieren gebären
lassen
Material hat einen Dickschädel 
sehen, gewähren lassen, zum Werden bringen.
Lüge: Papier!
Nicht Papier - Vergangenheiten
Urlaub auf Fotos, Afrika und anderes
gesammelt abgelagert beim Umzug aufgestöbert
jetzt geschwemmt von - bekleckert von Farbgewässer
was bleibt übrig
vom Vergangenen
Vergessen frisst Löcher ins Erinnern
schlabbert mit schmutziger Zunge 
über Sentimentalitäten hinweg
Erinnertes unter Schleiern Schlieren
verdeckt verdreckt überspült
verwandelt 

Leder- und andere Materialbilder

Material hat seinen eigenen Kopf
ist Wesen, wandelbar
Abfall und Abgefallenes 
in Gefallen Gefälle verwandeln
Gefälle wie Schnürlesregen
Wasserfälle ein Plätschern von Riemchen und Farbe
Rinnsale mit Farbe getränkter Beulen
die Schatten werfen in Wulsthöhlen  
oder ein andermal
Knäuelbeulen
deren Weiß in grünlichrötlichen Schatten schwelgt
Rosenhäupter dicht gedrängt
und wüsste man dass es nur zeknüllte Klebstreifen sind
überschneit von Farbe
machte das was aus?
Da sind trotzdem Rosen Schneeberge 
Materialschlachten Schluchten Verschattungen
Bild, das sich aus der Ebene hebt
aus der Fläche hinausatmet
den Aufstand probt gegen die Linearität
dieses blöde Prinzip des Zweidimensionalen
hervorquillt was das Zeug hält
sich spreizt dehnt verflacht,
Landschaften aus Bewegung
in Bewegung erstarrt unter Schicht um Schicht um Schicht Farbe
Üppigkeiten Verschwendlichkeiten von Farbe
die macht, dass Ordnung herrscht im Gewimmel 
im Tänzeln der Lederrestchen
die, aus dem Boxsack befreit,
Atemübungen machen, sich 
unter dem Regulativ der Künstlerhand
zu Hügeln zusammenscheuchen zu Buchtungen wuchten lassen
gefügig gemacht zum Gefüge Geflecht Gewebe
Textil Textur aus Verdichtung ist gleich Dichtung aus Materialfund

Was soll das - was SOLL das?
Dem Schnöden Schönheit einverleiben?
Rhythmus hineinreimen ins Regellose?
Funden Erfindung zutrauen?

Erotische Schichtungen

Schichtungen Geschichten entreißen
und ihnen andere Geschichten eindichten
freies Spiel mit dem Trieb
Getriebensein 
Schachtelungen mit Schichtungen treiben
Marlboroorange 
Borke, von der Litfassäule gepellt 
pixelt Unschärfe
daneben
Sehschärfe schwimmt krallt sich fest
an glitschigen Wülsten
haarumkringelt
Anus-Ahnungen und Vulvawölbungen
drin der Blick verschwindet
atmet sich ab an Leerstellen
nicht leer, nein
farbgetränkt und von leisen Linien gemasert
Schürfungen Risse - wie eine Zeichnung
Grafik des Zufalls
zur zittrig erregten Melodie verwoben.

Da fließen schwappen gurgeln Zufälle
Augen weiten - warten - wählen
aus Vollem schöpfen und zugleich 
dem Flüchtigen beim Flüchten zusehen
ohne Sorge
etwas könnte entgleiten

überhaupt sollte die Sorge kein Motiv sein
sondern das Vertrauen. 
          

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© 2007 - 2009 by A. & A. Trieschmann - webmaster [at] kunstnotiz.de - impressum - $Date: 2009-01-20 15:51:40 +0100 (Di, 20 Jan 2009) $ - $Revision: 327 $