Eröffnungsrede zur Ausstellung "Skulpturen und Zeichnungen" von Helmut Lander am 28.09.2008 in der Galerie Lattemann
Von Anja Trieschmann
28.09.2008 in der Galerie Lattemann
Wertgeschätzte Zuhörer,
sehr verehrter Herr Lander,
über einen Bildhauer zu sprechen, der 20 Jahre vor meiner Geburt bereits diplomierter Wandmaler, dazu leidgeprüfter Ostbürger und frisch von Weimar zugezogener Darmstädter war und der zudem den meisten von ihnen weitaus länger und besser bekannt sein dürfte als mir, das ist, verzeihen Sie, Ehre und Fluch zugleich! Eine Flut an Katalogen zu und eloquenten Erläuterungen über sein vielseitiges und doch stets charakteristisch lander'sch gebliebenes Werk ist bei der Vorbereitung über mich hinweggeschwappt. Einschüchternd ist auch die Menge der Ausstellungen, die Helmut Lander seit 1984 in diesem Haus auf die Beine stellte: Beinah jährlich ließ sich ein Teilaspekt aus des Künstlers Schaffenswut in der Galerie Lattemann nachvollziehen. Ich bin mir also über die Unmöglichkeit, Ihnen Neues oder Erhellendes sagen zu können, im Klaren. Allerdings werden Sie, mit Herrn Lattemanns glaubhafter Versicherung, kein Stück der Schau schon einmal hier gesehen haben. Noch nicht erschöpfend gezeigt sind etwa die Reliefs des Künstlers, dazu Aktzeichnungen und Bronzen aus den Jahren 1980 bis 1999.
Was ich Ihnen, in aller Demut, also anbieten möchte, ist, mit mir zusammen zu schauen: Mit ahnungsloser Neugier, als Unbedarfte, so, als hätten wir noch nicht gesehen, so als stünden wir ein aller erstes Mal vor einer Arbeit von Lander. Wie Kinder. Das ist schwer, als Erwachsene wie Kinder zu sein. Aber vielleicht glauben Sie ja – wenn nicht mir, dann Henry Miller. Der hat das auch so gesehen: Diese alltägliche Welt, die wir allzugut zu kennen meinen, es ist dieselbe, die einzige Welt, eine Welt voll Magie, voll unausschöpflichen Zaubers. (aus: H. Miller, Das Lächeln am Fuße der Leiter) Immer wieder glaubt man ja zu kennen und hakt das Gesehene ab. Das wäre allerdings schade im Falle Lander. Denn dieser Mensch von einem Künstler, der die Humanität in den Alltag und in die Kunst hinüberretten wollte, hat bis heute etwas zu sagen – nicht mehr mit dem Mund – aber schon längst und immer wieder ernst und ehrlich mit seinen Händen.
wenn ein mund in den kopf das aug heraus die stirn voraus wenn ein blick in den kopf das aug hinein der mund heraus wenn die münder sich lösen die augen sich schließen wenn münder münder und augen augen umschließen öffnen sich augen und münder bevor sie sich schließen (für helmut lander) Hanne F. Juritz
So klingen Helmut Landers Köpfe, wenn sie in die Sprache der Dichtung gegossen sind: Treffender lässt sich kaum in Worte fassen, was der Künstler in plastischer Bronze, mit Kohle, Buntstift, Pinsel oder aber im Relief ein Leben lang auszudrücken bemüht war. Die Lyrikerin Hanne Juritz, in den Raum Darmstadt Zugezogene wie Lander auch, hat mehrfach mit verdichteter Sprache auf seine materialhaften Verdichtungen geantwortet. Hat sich auf einen Dialog eingelassen. Auch Gabriele Wohmann, Karl Krolow, Henry Miller und andere mit dem Wort Begabten haben irgendwann einmal sprachlich reagiert.
Dieses Re-Agieren steckt den Bronzeköpfen, von denen wir hier einige in Lebensgröße, einige im Spielzeugformat sehen, wie eine Aufforderung in der Tektonik: Greifen Sie zu, tasten Sie, setzen Sie das Puzzel des menschlichen Hirns auf Ihre eigene Weise zusammen. Denn das Zerteilen schafft Gemeinschaft: Das Aufreißen und Zerlegen, das gegenseitige Durchdringen und die für Lander so typische bewegliche Wandelbarkeit der Köpfe und Figurationen, ist nicht nur schöpferische Selbstbefriedigung des Künstlers. Dahinter steckt der Wunsch, die Betrachtenden in den Prozess zu integrieren, sie spielerisch damit anzustecken, selbst mitzupuzzeln – zu zerteilen und zu zerlegen, ineinander zu schieben und Einblick zu nehmen. Der Kopf als Geheimnis – Helmut Lander macht ihn begreifbar. Entmythologisiert ihn. Bringt uns, die ans Konsumieren und Abnicken Gewöhnte, in Bewegung. Regt dazu an, sich aus-einander-zu-setzen, zu hinterfragen mit den Fingerkuppen, und auf übertragener Ebene: In einen Dialog zu treten. Sich nicht elegant bedeckt zu halten. Stattdessen aus sich herauszugehen, sich die Blöße zu geben, Verborgenes zum Vorschein zu bringen, sich einander verletzlich zu machen.
Helmut Lander verlangt nichts, was er nicht selbst getan hätte: Als ich vor ein paar Jahren die Ausstellung mit dem Titel „Metamorphosen“ hier sah, meine erste Landerschau!, war ich erschüttert von seinen Köpfen, die für mich etwas Zerfressenes, Durchlöchertes, unsäglich Durchlittenes hatten. Totenköpfe, über die sich längst gierig die Ratten her gemacht hatten. Das Traumatische, Tragische des Menschen hat er darin thematisiert, ohne jedoch seinen Humor ganz dranzugeben. Mich hat damals nachhaltig bewegt, dass ein Mensch so ehrlich mit sich, seiner Krankheit, seinem Leiden umgeht, dass er es Form gewinnen lässt. Hässliche, schmerzliche Form.
Lebensthema Kopf. Menschenkern. Helmut Lander schuf unzählige Bildvarianten, die verschiedene Facetten menschlichen Befindens typisieren. Lander kann auch Porträt, kann auch Eigenarten eines Gesichts festhalten. Doch im Wesentlichen geht es ihm um „das Menschliche schlechthin“. Vom Profil her entwickelt, schnitt er, wie ein Chirug, das Gesicht auf, um Einblick in sein Inneres zu erhalten. Presste es in martialische Kuben, zerlegte es wie eine Maschine, die geölt gehört, verbarg es in Hüllen und Sarkophagen, erfand Visagenpuzzles, glotzäugige Masken, Köpfe wie Helme, wie Schweizer Käse, spielte, zerstörte, baute wieder auf.
Hinter wie viel Maske steckt der Mensch? Wieviel Maschinenanteil hat uns bereits funktionalisiert? Von wieviel Müll lasse ich mein Hirn zerfressen? Ich weiß nicht, ob Helmut Lander Fragen wie diese wirklich aufwerfen wollte. Mir jedenfalls drängen sie sich auf, mahnend. Ich lese darin einen, dem nicht egal ist, was mit dem Individuum Mensch passiert. Einen, der Gesellschaft beobachtet. Kritisch. Liebend.
Mindestens gleichberechtigt zu der von mir in die Skulpturen hineingelesenen Intention, ist der menschliche Kopf für Helmut Lander Medium seiner erfinderischen Formungssucht. Ist Modelliermasse, Baukasten, Forum für sensible Oberflächengestaltung. Und ich vermute mal, es ist sogar in erster Linie diese nicht zu übersehende Lust an der Form, die ihn zu den unzähligen Gestaltungsvarianten bewog. Vom Gesicht ausgehend über den Rücken, den Po, die Schenkel, bis hin zum gesamten Körper wird bei ihm alles zur bildbaren Fläche, die es gilt mit Farbe, Kreide oder in Bronze zu modellieren. Der Kopf stellt für Helmut Lander zwar stets das Zentrum menschlichen Daseins dar. Immer wieder kehrt er zu diesem zurück. Doch rutscht der Künstler immer wieder auch einige Körperetagen tiefer in seinem Begehren, genuin Menschliches bildnerisch zu fassen, zu formen: Er lässt den weiblichen Rücken sprechen, macht aus Fleisch Fläche, die er zum Tummelplatz für Licht und Schatten modelliert, lässt Muskelhügel sich wölben, drüber das Licht hinwegtanzt, in dessen Kerben sich Grautöne sammeln, macht aus Nacktheit abstrahierte Landschaft, drin das Auge spazieren gehen kann, ohne sich erotisch angeheizt oder in die zweifelhafte Position des Voyeurs gedrängt zu fühlen.
Frei von pornographischen Lüsteleien seien Landers Akte, schrieb Dorit Marhenke über seine Frauen, die Gezeichneten wie die Reliefierten oder Plastischen. Sie seien nicht lasziv hingegossen, buhlten auch nicht mit modischem Sex-Appeal in Lifestyle-Manier. Auch Henry Miller bezeichnet Landers Körpererkundungen als unschuldig. Er rückt sie in die Nähe des natürlich Gewachsenen. Sie seien zwar Formgebilde der Kunst; aber ebensosehr und so phantastisch wie die zufälligen Formationen von Sanddünen verwitterter Felsen, von Treibholz oder knorrigen Baumstämmen wirken sie als Teil der Natur.
Festlegung ist Landers Sache nicht: Die Plastiken wie auch die Reliefs bauen Barrieren auf durch Formen, die nicht auf Anhieb entschlüsselbar sind – man muss sie schon mit eigener Fantasie ergänzen oder vollenden. Es sind Formen in der Verwandlung, Zwitterwesen, die sich lüsterner Beherrschbarkeit entwinden. Nicht rein ästhetisch, noch vulgär, weder ätherisch als Muse gesockelt, noch zum Opfer männlicher Unterwerfungsfantasien degradiert, lässt er seine zur zeichnerischen, plastischen Form mutierten Frauen stark sein, vital bis ins wallende Fleisch, entwaffnend offen und frei in ihrem Drang, sich wohlig im Bildausschnitt zu räkeln und zu biegen. In der Zeichnung ist es die Lust an der Linie, die ihn treibt, nicht die Wollust. In der Plastik ist es die Passion für Fläche und Form, die an die Grenzen des Figurativen geführt und bisweilen darüber hinaus gesteigert wird.
Der Dialog, den all diese Arbeiten als Angebot in sich tragen, ist bis heute nicht abgerissen. Helmut Lander verlor mit Alter und Krankheit die Wortsprache. Sein Leben lang hat er sich aber schon anders als nur übers gesprochene Wort ausgedrückt. Seine Finger waren schon früh beredter als sein Mund. Ehrlicher vielleicht sogar. Kunst zeigt, was innen drinnen ist in einem Menschen. Da zeigt sich etwas, was man nicht wegdrücken, aber auch nicht künstlich erzeugen kann. Eine Haltung zum Leben etwa drückt sich darin aus, ob man will oder nicht. Inneres nimmt notwendig Form an, entäußert sich. Und was sich da zeigt, besonders in einem Lebenswerk, das eine eindeutige Handschrift trägt, ist ehrlicher und überdauernder als alles Gerede. Wenn ich nun doch geredet habe, dann aus dem ehrlichen Wunsch heraus, dass meine Ehrfurcht vor diesem inzwischen fast verstummten Leben, diesem menschlich gebliebenen Menschen Lander, der wohl viel geliebt und gelitten haben muss, durch meine Sätze hindurchschimmert.
© 2007 - 2009 by A. & A. Trieschmann - webmaster [at] kunstnotiz.de - impressum - $Date: 2009-01-20 15:51:40 +0100 (Di, 20 Jan 2009) $ - $Revision: 327 $