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Eröffnungsrede für die Ausstellung "Raumlichte" mit Malerei von Friederike Walter am 28.10.2007 in der Galerie Lattemann

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Raumlichte

Von Anja Trieschmann
28.10.2007 in der Galerie Lattemann

 
Sie sitzen alle wie vor schwarzen Türen
in einem Licht, das sie, wie mit Geschwüren,
mit vielen grellen Flecken übersät.
Und wachsend wird der Abend alt und spät.
Und Nächte fallen dann in großen Stücken
auf ihre Hände und auf ihre Rücken, 
der wankend sich mit schwarzer Last belädt.
          

Was Rainer Maria Rilke hier malerisch bedichtet, ist ein Spiel von Licht und Schatten, das der hereinfallende Abend über eine Gruppe in einem Raum beisammen sitzender Personen gießt. Etwas ungreifbar Unheimliches schwingt in den Worten des Dichters mit, eine Dramatik, die sich der ausgeprägten Ausleuchtung der Szene verdankt. Um Lichteinfälle geht es auch in der Malerei von Friederike Walter, um die Theatralik von Beleuchtung und Schattenwurf, um blindmachendes Gleißen und das Geheimnis der Farbe Weiß, in der hauchzart eine vielfältige Buntheit pulsiert. Doch wo Rilke eine Szene mit Figuren inszeniert, die von schwarzen Abendschatten "beladen" wird, verzichtet die Frankfurter Malerin gänzlich auf handelnde Personen. Und als wäre dies nicht genug der Reduktion, lässt sie ihren Lichträumen nicht mal mehr die Möbel, die wenigstens eine Spur narrativer Ablenkung hätten sein können. Übrig bleiben leere Räume, in die von sichtbaren und verborgenen Quellen Licht einfällt; Wände, die den Blick behindern, Türen, die Durchblicke freigeben, Flure, auf denen sich Lichtkegel kreuzen, Fenster, durch die Sonne flutet, Raumwinkel, Raumfluchten, Raumverstellungen, begrenzt und belebt von Licht.

Da stellt sich die Frage, warum die Künstlerin uns vollkommen leere Räume serviert, in denen weder etwas Spannendes passiert, noch ein charakteristisches Möbelstück als Stellvertreter für die darin eingerichteten Menschen herhält. Ich möchte mich mit Ihnen gemeinsam vortasten, durch biografische, psychologische und kunstgeschichtliche Versatzstücke hindurch, aus denen sich einerseits die Malerei von Friederike Walter maßgeblich speist und die andererseits eine Annäherung an die hermetische Motivik und Machart ihrer Bilder ermöglichen könnten.

Schon als Kind habe sie ihre Fantasie in Räumen spazieren geführt, sagt Friederike über ihr frühes Interesse an Räumlichkeit. Die architektonischen Modelle ihres Vaters wurden für sie zum Spielplatz für die herumtobende Fantasie. Später schrieb sie Tagebuch, und zwar in einer außergewöhnlichen Form, die ihre malerische Raumarbeit vorwegnimmt: Jeder Tag erhielt eine Tagebuchseite und jede Seite stellte einen Raum dar. Da hinein schnitt sie Guckfenster, um auf Wunsch in den Zeiträumen ihres Lebens vor und zurückblicken zu können. Auch ihre Schullaufbahn hat räumlichen Eindruck bei der Künstlerin hinterlassen: In der Waldorfschule spielt die farbige Wandgestaltung eine bedeutungstragende Rolle, indem sie jedem Raum einen eigenen Charakter verleiht. Bis heute stellt sich Friederike ihr Dasein als eine Abfolge unterschiedlicher Räume vor. Darin schreitet sie von einem zum anderen und füllt ihn mit Leben und Atmosphäre: Und jeder dieser Räume ist gekennzeichnet von einer anderen Farbe, ebenso wie die darin abgestellten Interieurs markante Erinnerungsmarken symbolisieren. Auch die Dichtung kennt das Bild von Lebensräumen. Hermann Hesse greift das Thema in seinem Gedicht "Stufen" auf, ich möchte es Ihnen nicht vorenthalten, quasi als ein interdisziplinäres Dialogangebot zu den Gemälden:

 
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. 
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Abschied wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
	
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise 
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; 
nur wer bereit zu Abschied ist und Reise
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
	
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.
          

Aufschlussreich ist ein Blick auf die Verwandtschaft von Friederike Walters Malerei mit den Vorläufern in der Genregeschichte. Mit ihrem konzentrierten Ausloten von Innenräumen lässt sich Friederikes Kernmotivik in die Tradition der Interieurmalerei einreihen. Doch während kunsthistorische Vorfahren noch räumliche Beheimatungen malten, beseelt von Mensch oder Möbel, schmeißt Friederike radikal allen Plunder zum Fenster hinaus. Räumlichkeit ist seit jeher Spiegel der Seele, ist Ausdruck eines Charakters oder Spielfläche eines Erzählvorgangs. Somit werden Räume in der Malerei häufig mit ganz bestimmten Funktionen beladen. Sie sollen etwas offenbaren, meist über die Menschen, die darin leben, oder den Menschen hinter der Staffelei. Pittoreske Heimeligkeit oder avandgardistisches Chaos, Prunk oder Kargheit - sage mir, wie du wohnst und ich sage dir, wer du bist. Friederike dagegen verzichtet in ihren Bildern auf jede Selbstsicherheit, wie sie üblicherweise von malerisch inzeniertem Mobiliar ausgeht. Sie entkleidet die gemalten Räume ihrer Funktionalität, nimmt ihnen den Sinn, stiehlt ihnen ihr narratives Füllsel, verhindert sogar jeden Blick nach draußen, auch wenn, selten einmal, ein Fenster auftaucht - dann lässt sie eher Licht hineinfluten als den Blick hinausgleiten.

Nichts nämlich soll ablenken vom Eigentlichen, auf das es der Malerin ankommt: Dem Spazierengehen des Auges auf der Farbfläche. Ihre Räume sind keine Abbildungen von realen Räumen, sind vielmehr Kopfräume, Vorstellungsräume und Farbräume. (Die wenigsten von ihnen sind nach Fotovorlagen gemalt, meist erfindet sie.) Die Wände sind deshalb leer, weil sie Projektionsflächen für die Fantasie und die Wahrnehmung der Betrachter sein sollen. Wie die kleine Friederike vor 25 Jahren sollen diese ihre Vorstellung durch die leeren Räume schicken, sie selbst füllen mit ihrer Erfahrung, mit ihren Gefühlen, ihrem Leben, ihren Ängsten und Erwartungen.

Die Beteiligung der Schauenden ist also ein wesentlicher Aspekt im künstlerischen Ansinnen der Malerin. Und ein Zweites kommt hinzu: Nur leere Wände beginnen den Betrachtenden ihr farbiges Leben mitzuteilen. Es bedarf dafür einer auf wenige Elemente begrenzten Komposition. Möbel und Mensch stören da nur. Die scheinbar weiße oder graue Fläche beginnt nämlich zu atmen, wenn man sich in sie hineinversenkt, sich drin verliert, wenn man geduldig die matt über die Leinwand gestrichene Ölfarbe auf sich wirken und die darunter liegenden Nuancen an die Oberfläche kommen lässt. Dünne Lasuren Farbe hat die Künstlerin übereinander gelegt, bevor sie mit einem vagen Weiß darüber ging. Und dieses Darunterliegende ist es, was das kühle Weiß belebt, was es zum Nicht-Weiß und in Wahrheit zum Sammelbecken einer verborgenen, zaghaften Buntheit macht. Anfang des 20. Jahrhunderts sagte der dänische Maler Vilhelm Hammershoi, dem sich Friederike in Sujet und Malweise verbunden fühlt, die besten farblichen Effekte seien mittels einer Reduktion von Farbigkeit zu erzielen. Das beweisen knapp hundert Jahre später die Bilder von Friederike Walter. Denn gerade in der Zaghaftigkeit, mit der sie der Farbe zum Ausdruck verhilft, liegt eine enorme Aussagekraft, Vielschichtigkeit und Schönheit. Ein weiteres Augenmerk gebührt noch einmal dem Spiel von Licht und Schatten, mit dem Friederike Wände und Fußböden ihrer Räume fast bühnenreif belebt. Weil Statisten fehlen, wird die Beleuchtung zum Charakterschauspieler: Das Hereinbrechen von Licht oder das Kriechen von Schatten über Wände ist in der Lage, einem Raum eine charakterliche Note zu geben: So wird ein Raum zur sakralen oder gläsernen, geheimnisumwitterten oder bedrohlichen Kulisse, vor der sich alle erdenklichen Dramen der menschlichen Psyche abspielen können.

In der Malerei von Friederike Walter berühren sich Interieur- mit Farbfeldmalerei, quasi-gegenständliche und abstrakte Kunst, Tradition und Moderne. Ihre Bilder haben etwas Schwebendes an sich, markieren Zwischenzustände. Das lässt sich festmachen an den verschwimmenden Übergängen von Linien, der vagen, selten eindeutigen oder kraftvollen Farbzuweisung sowie der Unmöglichkeit, die Räume eindeutig zu verorten. Das Beraubtsein von all diesen Sicherheiten lässt Friederikes Bilder zu einer Herausforderung für die Psyche werden. Man muss darin Unsicherheit und Einsamkeit aushalten, zwei Zustände, die wohl kaum zu den begehrtesten des Menschseins zählen.

Die Bilder gehen sogar noch weiter, sie konfrontieren mit der eigenen Leere, mit den blinden Flecken in der eigenen Psyche und stellen Fragen, unbequeme Fragen: Womit füllst du dein Leben? Wo willst du hin? Hast du Angst vor dem, was hinter dieser Wand, dieser Tür liegt? Bist du einsam? Hast du einen Schutz-, einen Fluchtraum? Kannst du diesen Raum füllen? Und wenn ja, womit: mit Ängsten oder mit Leben? In diesen Entzugs-Bildern ist der Betrachter und die Betrachterin auf sich selbst zurückgeworfen, weil es keinen Anker und keinen sichtbaren Sinn, kein Erzähltes und keine Ablenkungsmöglichkeit gibt, an die man sich klammern könnte.

Wie jeder Spiegel geben sie lediglich wieder, was in sie hineinprojiziert wird: Das kann Leichtigkeit und Neugierde sein, aber auch Schwermut und Verschlossenheit. Über die Malerin sagen die Bilder auch etwas aus: Sie sprechen von einem hohen Maß an Sensibilität für feine Nuancen, von einem Faible für Mehrdeutigkeit und Komplexität und von einer Vorliebe für Theater. Zumindest mit der letzten Beobachtung stehe ich auf sicherem Grund: Denn Friederike Walter, wenn sie nicht malt, verdient ihre Brötchen nebenbei als Beleuchterin bei einer Frankfurter Bühne.

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Webseite der Künstlerin Friederike Walter

© 2007 - 2009 by A. & A. Trieschmann - webmaster [at] kunstnotiz.de - impressum - $Date: 2009-01-20 15:51:40 +0100 (Di, 20 Jan 2009) $ - $Revision: 327 $