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Eröffnungsrede zur Ausstellung "Flügel Schlag" mit Ziegelobjekten von Sigrid Siegele am 06.05.2006

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Flügel Schlag

in der Alten Remise / Zwingenberg
Von Anja Trieschmann

Flügel sehen anders aus. Erstens sind sie nicht aus Erde, sonst könnten sie nicht fliegen. Zweitens sind sie nicht so schwer, nicht so behäbig wie die, die hier ausgestellt sind. Weder die Flügel von Schmetterlingen und Vögeln, noch die, die man von Engelsabbildungen kennt, haben irgendetwas gemein mit den plumpen Tonklumpen, die die Bildhauerin Sigrid Siegele ihre "Flügel" nennt.

Erwartungen werden enttäuscht. Diese Flügel hier bestätigen nicht das Bild, das man von Flügeln hat. Doch wer sich jetzt beleidigt abwendet, stiehlt sich eine Erfahrung, die man als Horizonterweiterung bezeichnen könnte. Denn gerade weil Sigrid Siegeles Flügelplastiken so gar nicht den Erwartungen entsprechen, weil sie sich in ihrer klobigen Grobheit dem ästhetischen Kuschelbedürfnis widersetzen, haben sie die Kraft, Denkmuster zu sprengen.

Mit Flügeln assoziiert man landläufig Leichtigkeit, Schwereloses und Bewegtheit. Diese hier ruhen, hängen, baumeln, stecken auf Spießen, bilden in Reihungen Muster und Ornamente und sehen eher aus wie Fischflossen oder verrutschte Dreiecke. Ihre Ähnlichkeit mit dem Vorbild, aber auch ihre ätherische Komponente scheint verloren gegangen zu sein. Ihre Flüchtigkeit, die es in natura nicht erlaubt sie länger zu betrachten, hat Siegele eingefangen in ein Standbild aus gebrannter Erde. Dieser Widerspruch manifestiert sich im Titel der Ausstellung.

"FlügelSchlag": Hier prallt Flügel auf Schlag, Leichtigkeit auf erdige Härte, luftiges Geräusch auf dumpfen Klang. Wie finden sich diese Gegensatzpaare in Siegeles Arbeiten wieder und warum hat sich die Künstlerin für diese Form der Gestaltung entschieden?

In dem Wort "Schlag" verbirgt sich eine Ambivalenz. Die Funktion eines Flügels ist erfüllt, wenn er sich auf und nieder bewegt, wir nennen das den "Flügelschlag". Doch eine zweite Bedeutungsvarianz drängt sich auf, wenn man sich die Arbeitsweise betrachtet, mit der Sigrid Siegele ihr bildhauerisches Material traktiert: Ihre Arbeiten entstehen aus ungebrannten Ziegeln, Backsteinen und Klinkern, die üblicherweise für architektonische Zwecke verwendet werden. Wer einen Klinker sieht, denkt zuallererst an Gemauertes, Funktionales. Mit dieser funktionalen Vorstellung räumt Siegele auf, wenn sie Mauern mit Dellen und Biegungen, Tore mit in sich verdrehten Pfeilern und Durchblicken, und Stelen ohne architektonische Absicht gestaltet. Zuallererst sprengt sie die DIN-Norm der Bausteine, indem sie diese mit Muskelkraft walgt und schlägt, bis sie verformbar werden. Ihre Art mit der porösen und zu Quadern gestampften Erde umzugehen, entwindet sich allen Rollenklischees: "Bei mir ist eine Gerade nicht gerade!", sagt sie Sie ist weder Bauarbeiterin, die an geraden Linien entlang Mauern setzt, noch ist sie Keramikerin, die ihre Tonobjekte aufbaut oder an der Drehscheibe dreht, und genausowenig Bildhauerin im vertrauten Sinn, die den Ton modelliert, indem sie Material wegnimmt und hinzufügt. Sigrid Siegele arbeitet stets mit und aus dem ganzen Stück heraus. Dieses wird im Schlagen und Wenden, Walgen und Prügeln aus der genormten Form getrieben, gestaucht und deformiert. Dabei kommt es zu Verrenkungen, wie im Leben. Das Leben zeichnet den Lebenden, indem es ihn walgt und formt, streckt und staucht und unter Krafteinwirkung verwandelt.

So steckt im "Flügel Schlag" beides: Die Vorstellung vom Schweben, von Leichtigkeit und Sich-Erheben, aber auch die Erdenschwere des tönernen Materials, die Bodenhaftung, und damit das Zerbrechliche, das bei einer solch rohen Behandlung des Weichklopfens und Brennens immer mitgedacht werden muss.

Gegensatz und Widerspruch sind konstituierende Aspekte in den bildhauerischen Äußerungen von Sigrid Siegele. "Ich versuche, Dinge zusammenzukriegen, die nicht zusammen gehören.", sagt sie. Doch dieser Widerspruch ist nicht Zeichen des Trennenden, sondern des Verbindenden: Ihr Anliegen ist die Kommunikation, ist das Aufzeigen von Möglichkeiten, miteinander in Kontakt und Verständnis zu treten, ist die Offenheit und Transparenz, die den oft brutalen Einwirkungen des Lebens trotzt. Ihre Themen reduziert sie auf geometrische Grundaussagen, um sie offen zu halten für individuelle Deutung: Denn es bleibt jedem selbst überlassen, ob er darin Gleichnisse fürs Leben sehen will oder die Freude am Prozess der Formfindung mit ihr teilt. Geboren sind diese Formen aus dem Alltag. Daher können sie auch stellvertretend für Menschliches stehen, spüren den existenziellen Belangen des Lebens nach. Dieses soziale Anliegen - der Kommuniaktion, der Öffnung - spiegelt sich in der Wahl ihres Materials wieder: Erde, Ton - als Grundelement des Lebens. Man denkt an den biblischen Mythos der Schöpfungsgeschichte: Der Mensch aus einem Erdkloß geformt, endlich und doch zur Entgrenzung befähigt. Ton ist zudem ein lebendiges Material, das den Arbeitsprozess mitlenkt und dem Künstler einen Teil der Berechenbarkeit abnimmt.

Der Erdklumpen wird unter ihrer Hand zum Zeichen herzwarmer Vermittlung. Doch sieht man das nicht auf den ersten Blick. Spröde sperren sich die Arbeiten dem raschen Zugriff. Sie wollen sorgsam gelesen werden, verlangen Zeit vom Betrachter und das Vermögen, der abstrahierten Bildsprache konkretes subjektives Erleben einzuphantasieren. Die Arbeiten drängen sich nicht auf, schreien weder mit Farbwerten, noch mit aufsehenerregenden Formationen. Sigrid Siegeles Sprache ist die der sanften Verwirrung, der subtilen Deformation, des leisen Rutschens aus der gewohnten Sehweise.

Wenn also Sigrid Siegele Flügel formt, seien es hängende, liegende, segelnde oder aufgespießte, dann wird daraus keine Flug-Show, dann treten keine formalen Extravaganzen auf. Ihre Formgebung ist so schlicht und auf die Wesenszüge reduziert, dass das filigran Flügelhafte darin beinah verschwindet. Manche der Objekte wirken grobschlächtig und plump und denkbar ungeeignet zum Fliegen. Doch geht es Siegele darin mehr um den geistigen Flug, der sich in ungewohnte Denkmöglichkeiten aufschwingt und sich nicht bremsen lässt von der Erdschwere des Klischeehaften. Um Ent-grenzung geht es, und zugleich um das Bewusstsein, dass es totale Entgrenzung nicht gibt. So wenig sich die Plastiken geometrischer Logik beugen, so wenig sind sie mit den analytischen Methoden der Vernunft lesbar. Ich wähle den assoziativen Zugang, um einige Sehaspekte in den Arbeiten von Sigrid Siegele auszuleuchten.

Da kauern Flügel am Boden, als ruhten sie sich ein wenig aus vom anstrengenden Flügelschlagen. Indem sie stillhalten, lösen sie sich aus dem Korsett ihrer Funktion, dem Bewegtsein. Von ihrer schlichten Statik geht Ruhe und Einklang aus: Ein Moment des Innehaltens, des Heraustretens aus dem Trott. Auf der Tonhaut sind Maserungen eingeritzt, Spuren gelebten Lebens, wie Verletzungen, Risse, Schrundungen, Schürfungen. Leben geht nicht spurlos am Lebenden vorbei.

Andere Flügel hängen an einer Leine, zum Trocknen, zum Auslüften, oder zum Schlafen wie die Fledermäuse. Etwas Heiteres, Leichtes, Absurdes schwingt in dieser Arbeit mit. Auch hier widersetzen sich die Flügel ihrer Funktion. Sie hängen einfach ein bisschen rum, verbaumeln ihr Dasein.

Dann gibt es Flügelpaare, die beieinander stehen wie ein altes Ehepaar, und in ihrer Zugewandtheit eine ruhevolle Einheit bilden. Da geschieht ein Berühren ohne Worte, da blitzt die Sehnsucht nach Kommunikation auf und Wärme. Wieder andere, winzige Flügelchen, tänzeln an Seilen, gehalten und doch schwebend zum flattrigen Muster gesammelt. Die Lebenssegel dagegen teilen mit aufrechtem Kiel die Zukunft, die vor ihnen liegt, brechen mutig ein ins Leben und lassen sich treiben ins Kommende. In ihnen entäußert sich die Sehnsucht nach Entgrenzung und zugleich die Verbundenheit mit dem Erd-Boden, und somit mit Vergänglichkeit und Endlichkeit. Trotz ihrer materialbedingten Bodenhaftung sind sie geistig gefüllt.

Auf Stahlspießen stecken dagegen die "Flügel ins Paradies", die Sigrid Siegele in Erinnerung an einen verstorbenen Freund gestaltete: Spielerisch kindlich taucht darin die Frage auf, wohin die Toten gehen, ob sie ins Paradies hinein fliegen oder gehalten werden am seidenen Faden. Sigrid Siegele selbst verbindet mit dem Flügelthema kindliche Vorstellungen vom Tod. Sie mag deren Direktheit, mag den unverstellten, undogmatischen Kinderblick, der sieht, was er glaubt und glaubt, dass es weit mehr gibt als das, was er sieht. Der kindliche Blick ist es auch, der in einem Quadrat ein Haus phantasiert und in einem verrutschten Dreieck ein Flügelpaar.

In diesem Wechselspiel zwischen Figuration und Abstraktion spielt sich die Wahrnehmung der Bildhauerin Sigrid Siegele ab. Diese ist so direkt, zupackend und unverschnörkelt, wie die Künstlerin selbst. Doch geradlinig, berechenbar und konventionell im Sinne gesellschaftlicher Normierung ist weder sie noch ihr Werk. Klare, ehrlich Formen sind ihr wichtig, Ihre Ideen schöpft sie aus dem, was sie alltäglich umgibt. In ihrem Blick schnurrt alles, was sie sieht, zur geometrischen Form zusammen, verdichtet sich zum Prinzip, zum festen Boden, auf dem sie steht und von dem aus sie verformt, verfremdet, abweicht und eigenes gestaltet.

"Ich will keine Bedienungsanleitung zu meinen Arbeiten liefern", sagt Sigrid Siegele. Zwar will sie Inhalte transportieren, aber die sind sorgsam in der abstrahierten Form versteckt, nicht offensichtlich ablesbar; sie lassen sich erahnen im Zusammenspiel von Material und Farbigkeit, dem Maß der Verformung und der Art der Präsentation; wie die Steine zueinander stehen oder hängen, in welche Form sie sich winden, welche Ähnlichkeiten sie in ihrer Kontur erzeugen oder was sie im einzelnen Betrachter auslösen.

Ihr eigener Zugang ist der über die Form: Zu Anfang steht da ein Konzept, ein gedanklich fertiges Bild, das sie gestalten will. Dann setzt ein Spielen und Experimentieren ein, in dem auch die Flüchtigkeit eines Gefühls und die Unwägbarkeit der Intuition Platz haben. Sigrid Siegele drückt es für sich so aus: "Ich muss die Gestalt im Kopf verstanden haben. Ich erlebe die Objekte erst als Entwurf im Kopf, dann gehe ich an die konkrete Ausarbeitung." Und dann ist da die Freude am Verformen und Stauchen und Falten, im Einwirken auf ein Material, das sich unter ihrer Kraft zu etwas Eigenständigem verwandelt. Kunst ist für sie der Moment, in dem sich Intellekt und Sinnlichkeit, Konzept und Unberechenbarkeit des Materials begegnen und so zu einer Einheit mitten im Widerspruch werden.

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© 2007 - 2009 by A. & A. Trieschmann - webmaster [at] kunstnotiz.de - impressum - $Date: 2009-01-20 15:51:40 +0100 (Di, 20 Jan 2009) $ - $Revision: 327 $