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Eine Stadt kauft Kunst: Sigrid Siegele mauert drei Tore für den Kreisel in Walldorf

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Drei Tore für den Kreisel in Walldorf

von Anja Trieschmann

Wer vertrieben wurde, weiß Tore zu schätzen: Tore, durch die man hineingehen darf in ein Zuhause, das bleibt, und hinausgehen in die Erfahrung von Weite und Weltwirken. Walldorf, der Zwilling von Mörfelden, heißt nach Vertriebenen, die einst hier Zuflucht fanden: Drei Handvoll französisch sprechender Familien, die 1699 zwischen Mörfelden und Frankfurter Flughafen ihr Säckel fallen ließen, vom Landgrafen Ernst Ludwig unter Schutz gestellt. Wegen ihres Glaubens verfolgt, gehetzt, sehnsüchtig nach einem Ankommen hinter Heimattoren, gründeten sie die "Waldenserkolonie am Gundhof", die 1715 in Walldorf umbenamst wurde. Später kamen unfreiwillig 1.700 Fremde, Mädchen und Frauen aus Ungarn. Sie wurden 1944 in Baracken gezwängt und mussten beim nahen Flughafen ausbauen helfen bis zum Umfallen. Bis 1972 wurde ihre Fremdheit aus dem regionalen Gedächtnis verdrängt, denn wer hat schon gern ein KZ in der Nachbarschaft. Nach dem Krieg kamen noch einmal Ströme Vertriebener, plusterten die Dorfeinwohnerzahl zur Stadtgröße auf. Heute ist Walldorf stolz auf 100 friedlich miteinander lebende Nationen.

Ein Tor bedeutet: Sich öffnen. Einander einlassen, hindurchlassen. Neues begrüßen. In Bewegung bleiben. Heißt abgrenzen auch und abschließen. Bei sich sein. Drei Tore, zueinander gekehrt wie im Gespräch, stehen auf dem Kreisel am Nordring, am Stadtrand von Walldorf, weisen wie die Schilder ringsum in drei Richtungen: zur Stadthalle Walldorf, nach Kelsterbach und nach Frankfurt. Drei Tore auf der Naht zwischen Stadtkern, Nachbarstadt und Weltmetropole, zwischen Selbst-Bewahrung, Befreundung und Welt-Öffnung. Drei Wege laufen aus den Toren wie Schatten aufeinander zu. Treffen sich in der Mitte. Begegnung ist, wo man ein Tor durchquert.

Die Ziegeltore der Künstlerin Sigrid Siegele sind mehr noch als ihre offensichtlich symbolische Funktion des Ein- und Ausgehens: Denn wären sie nur Funktionsträger, hätten sie jedes eine Stadt hinter sich, wären von geradem Wuchs, von statischer Architektur. All das sind sie nicht. Sie falen aus der Norm. Eins reckt sich und streckt sich wie nach gesundem Schlaf, eins dehnt sich im Fuß, sucht sicheren Halt, eins steht militärisch stramm. Keins der drei ist mit der Messlatte begradigt, kaum merklich biegen sich die Kanten aus dem Lot, sanfte Bewegung macht jedes zum Unikat, wie die Menschen, die hindurchgehen: Keiner gleicht dem anderen. Jedes Tor ist ein Einzelnes aus Vielen, zusammengesetzt aus verformtem Ziegel, aus der Norm getrieben, vertrieben. Dabei kommt es zu Verrenkungen, wie im Leben. Das Leben zeichnet den Lebenden, indem es ihn formt, streckt und staucht und unter Krafteinwirkung verwandelt. Gegensatz und Widerspruch sind konstituierende Aspekte in den bildhauerischen Äußerungen von Sigrid Siegele. Der Mörtel zwischen den Steinen macht, dass der Tor-Drilling stabil wirkt, monumental. Doch der Zerbruch ist immanent, immer schon mitgedacht von der Künstlerin.

Die in geometrische Grundformen umgesetzte Widersprüchlichkeit ist nicht Zeichen des Trennenden, sondern des Verbindenden: Siegeles Anliegen ist Kommunikation, ist das Aufzeigen von Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu treten, ist Offenheit und Transparenz, die den oft brutalen Einwirkungen des Lebens trotzt. Kunst ist der Moment, in dem sich Intellekt und Sinnlichkeit, Konzept und Unberechenbarkeit des Materials begegnen und so zu einer Einheit mitten im Widerspruch werden.

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© 2007 - 2009 by A. & A. Trieschmann - webmaster [at] kunstnotiz.de - impressum - $Date: 2009-01-20 15:51:40 +0100 (Di, 20 Jan 2009) $ - $Revision: 327 $