Eröffnungsrede zur Ausstellung "Neue Bilder" von Manfred Staudt am 07.03.2008 in der Galerie des Keller-Klubs im Darmstädter Schloss
von Anja Trieschmann
07.03.2008 in der Galerie des Keller-Klubs im Darmstädter Schloss
An Nüchternheit kaum zu übertreffen, lädt Manfred Staudt in den Keller Klub, um, wie es auf der Einladung heißt, "Neue Bilder" zu zeigen. Der Titel "Neu" verrät auf den ersten Blick nichts weiter, als dass sie der Gegenwart am nächsten stehen von allen Pinselwerken, die der Maler bislang ins Leben gebracht hat. "Neu" sagt zudem nichts über das Thema, das Motiv oder die Menge der gezeigten Arbeiten. In jeder dieser Hinsichten sind Staudts neue Bilder eine Irritation: Zum einen sind es gerade mal vier Exponate, die er in der niedrigen Kellerwölbung unterbringt - zugegebenermaßen wenig für eine Ausstellung. Zum anderen lässt sich tatsächlich nicht bestimmen, worum es motivisch oder thematisch in ihnen geht. Manfred Staudt scheint nämlich in dieser seiner neuen Art zu malen alles, was Motiv hätte sein können, mit feistem Farbauftrag auslöschen zu wollen.
Immerhin eines ist verbürgt: Diese Bilder sind so knackfrisch, dass die Farbe kaum getrocknet, dass sie noch empfindlich ist für Stoß und Schürfung. Unverbraucht, ungesehen, unbegangen sind sie, und stehen in der Warteschleife für die Begegnung mit den Betrachtern. Neu ist aber auch noch etwas anderes: Wer mit der Arbeitsweise des Künstlers ein wenig vertraut ist, der weiß, dass ein Staudt-Bild selten allein kommt. Es zieht in der Regel eine Familie von gleichgesinnten gleichklingenden nach sich. Serielles Arbeiten, das "sich hineinbeißen in ein Thema", oder das "Aussuckeln" eines Motivs war bislang kennzeichnend für Manfred Staudts Umgang mit grafischen Sprengseln und Farbe. Hier aber begegnet nun ein Novum in mehrfacher Hinsicht: Der Maler reduziert nicht nur die Anzahl der ausgestellten Werke, sondern er verzichtet auch weitgehend auf ein Geschehen in seinen Bildern. Vier Leinwände, tafelgroß, raumsprengend, die sich zudem nicht recht zur Serie summieren lassen wollen. Jedes steht für sich. Braucht Raum für sich. Daher sind es nur vier, die zur Ausstellung antreten. Das Gewölbe schafft nicht mehr, zumindest nicht in dieser Größe. Und die Bilder? Die Farbflächen - und viel mehr als weite tiefe farbige Fläche ist darauf nicht zu sehen - wollen, ja, müssen atmen. Wollen ihren Farbkorpus in den Raum hineinheben und -senken. Wollen nicht im Vorübergehen verkostet, sondern mit Zeit, Einfühlung und wachem Blick meditiert werden.
Neue Lebensphasen brauchen neue Bilder. Bringen neue hervor. Anders geht es nicht. Nicht für Manfred Staudt, für den eine enge Verbindung zwischen Erlebtem und Gemaltem, Gefühl und Ausdruck, Seelenbewegung und Pinsel notwendig und notwendend ist. "Kunst ist die Übertragung seelischer Vorgänge in sinnliche Wahrnehmbarkeit." So fasste einst ein Schriftsteller (Erich Mühsam) das in Worte, was Manfred Staudt mit Farbe umzusetzen bestrebt ist. Er sucht nach dem authentischen Ausdruck für das, was ihn innerlich bewegt: ihn aufwühlt, antreibt, fortschwemmt, oder auch steckenbleiben lässt. Die Verbindung zwischen Biografie und Ausdruck ist Grundlage, daran knüpfen sich Fragen: Auf welche Art und Weise nimmt ein Erleben Gestalt an, wie wird es zur persönlichen Handschrift?
Lebensphasen wechseln. Ein solcher Wechsel kündigt sich an in diesen Bildern. Schauen. Was geschieht in dieser Malerei, die eher eine verdeckende als eine enthüllende, eher schweigsam denn beredt ist. Schauen. Hier werden keine Geschichten erzählt: Haus Baum Hund - nichts davon. Mitteilbare Inhalte treten in den Hintergrund. Vielleicht liegen sie verborgen unter den Schichten Farbe, die der Maler auf die Leinwand modelliert hat wie ein Gebirge, wie eine Mauer aus trockener schlieriger Ölmasse, die dem Durchblick die Sicht verstellt. Also kein Durchblick, kein Verstehen. Draufblick ist gefragt. Das Auge ruhen lassen - und schauen.
Weil das Auge auf Äktschn trainiert ist, auf Wiedererkennbares, Bekanntes, wird es der Einfachheit halber vielleicht als erstes zu den fünf Schemen wandern, die in dem Bild mit dem Titel "Nachtlicht" eine orgelpfeifenähnliche Parade bilden. Gezauste Baumkonturen, oder Menschen, ganz von weitem gesehen, undeutliche Schemen nur. Oder Pinguine, die durch die Dämmerung watscheln. Was es auch sei: Darüber und darunter Finsternis, von Lichtfäden scheu durchzogen, von einer Blitzspur zerschlissen. Der Blick muss sich an das Verschluckende der Farben erst gewöhnen. Muss ein bisschen warten, bis sich die Linse umstellt und Nuancen wahrnimmt: Das Dräuen der Wolken, wenn es denn Wolken sind, was da über die Leinwand wabert. Das Heraustreten der mystisch angestrahlten Konturen, die, wie eine Fatamorgana, aus der Fläche in den Raum hineinsteigen, sich wölben, Farbplastik werden, Gestalten aus Licht und Schatten und - soviel verrät Manfred Staudt - unterfüttert mit einer feinen Schicht Spachtelmasse, die von Seidenpapier zusammengehalten wird. Licht gibt es hier und in allen seinen neuen Bildern nicht als Verschwendung, nicht als Gleißen und Sonnenfluten und Blinzeln. Es tritt als Korrelat zum Schatten auf, als zaghafte Aufhellung, als Nebeldunst, oder aber als fahles Schimmern von Blau, das in der linken Bildecke vor sich hin glimmt.
Die Fantasie kann ruhig ein bisschen herumrätseln: Sind es nun Bäume, Menschen oder Pinguine, die da in einer dubiosen Gewitterstimmung spazierengehen? Staudtkenner fühlen sich erinnert: Vom Orkan gerüttelte Bäume, flattrige Büsche, Natur in windiger Schräglage und übergossen von schwefeliger Atmosphäre: Seelenlandschaften, die von Dramatik und emotionalem Aufruhr gebeutelt waren, kennzeichneten die letzte malerische Phase von Manfred Staudt. Darin verborgen liegt Trauer um den Verlust eines nahen Menschen, darin liegen Verzweiflung, Kampf und Geworfensein. Eine Zeitlang diente ihm menschenleere Pinsellandschaft als Spiegel seiner zerrissenen Seele, und was die Bilder transportierten, war Gescheuchtes, Zerfleddertes, eine persönliche Apokalypse und energiegeladener Ausdruck.
Der Orkan ist weitergezogen. Scheint es. Die neuen Bilder sprechen eine andere Sprache. Mit ihnen kehrt der Maler zur Wurzel zurück: in die Abstraktion. Von dort kommt er her. 1962 in Darmstadt geboren, betrat Manfred Staudt den Kunstbetrieb quasi durch die Hintertür: Er gehört nicht zu den akademisch ge- und verschulten Künstlern, hat nie Akademien besucht, hat sich seinen Weg zum Ausdruck als Autodidakt erstritten. Er malte früh, als Kind schon, und ungegenständlich. Damit der Bub was wird, lernte er Kunstglaser und konzentrierte sich auf Farbflächen: Nuancen fließen lassen, die stumme Sprache der Farben zum Sprechen bringen, für diejenigen, die sich einschauen in die Bilder, das will Manfred Staudt: Der Gegenstand lenkt nur ab vom Farbklang, der gerade in der großen Fläche zu pulsieren und sich mit Energie zu füllen beginnt.
Von der Abstraktion in die Landschaft und zurück. Seine neuen Bilder markieren eine Art Übergang. Oder ein "sowohl als auch". Er möchte sich nicht endgültig verabschieden von der Landschaft. Er sieht sich zu sehr als Landschaftsmaler. Doch Naturabbild, fotografischer Spiegel eines äußerlich Sichtbaren: Das interressiert ihn nicht. Bei ihm verwandelt sich Seelenerleben zur Landschaft - oder zu etwas Landschaftsähnlichem- , zu einer Malerei, in der beides Platz hat: Dem, der Landschaft sucht, bietet sie Deutungshinweise für Horizonte, Lichteinfall, Wolken, Fels und Flusslauf. Wer auf die Krücke naturnaher Wiedererkennbarkeit verzichtet, kann den Blick aber ebenso gut im freien Fall durch Staudts Farblandschaften gleiten lassen. Dann stößt er vielleicht erst einmal mit der Nase an schartiges Farbgestein, in dem Schatten mit aufgehellteren Flächen Fangen spielen, das aber keinen Blick auf darunter liegende Farben, Flächen, Geschehnisse durchlässt und grundlos tief erscheint wie ein Meer aus Blauschatten oder genauso undurchdringlich wie eine Wand. Die Landschaft tritt nun zurück und in den Vordergrund schiebt sich das Malerische selbst: Das Hin- und Herschieben von Farbe, das Modellieren mit der öligen Materie, in dessen Verlauf wiederum Hügelketten und Erhebungen, Senken und Körnungen entstehen, also Landschaftsähnliches, nur taucht die nicht mehr explizit im Bildmotiv auf. Landschaft ist sozusagen eingarbeitet ins Bild: in das Buckelige, Haptische der Oberfläche, drüber die Finger fahren, als wollten sie an dieser Beulenschrift etwas ablesen. Landschaft ist eingeprägt in das Satte und Sämige des Farbauftrages, aus dem stellenweise Lichtglimmen fällt, ein Schimmer, der die finstere Farbpatina durchatmet.
Der Umgang mit Licht ist ähnlich zentral wie der Umgang mit malerischen Oberflächen. Die spielen bei Manfred Staudt illusionistisch mit Tiefendimensionen und sind tastend erfahrbar: Glatte und matte, schrundige und glänzende, stumpfe und faltige Ebenen erzeugen Spannung und Lebendigkeit. Doch trotz dieser haptischen Belebung bleibt die Bildebene still, wird sie von keiner Unruhe, keinem Motiv aus ihrem versunkenen Schweigen gerissen. Stattdessen wird sie vom Lichteinfall modelliert, - keinem natürlichen, einem vielmehr malerisch komponierten, magisch eingesetzten - wird vom Licht in sanfte, atmende Bewegung versetzt. Dieses Pulsieren der Farbklänge, in den Schattierungen einer einzigen Grundfarbe, blau - jadegrün - rot, dieses Pulsieren und Klingen ist es, was im Maler Staunen und Begeisterung auslöst. Das ist es, was ihn an- und umtreibt: Das Erlebnis Farbe und welche Geheimnisse in ihr stecken. Die zu erlösen, aus dem Tubendunkel ins Leinwandlicht zu stellen und sie, die Farbe selbst, eigene, stillere Geschichten erzählen zu lassen, Geschichten nämlich der Beruhigung, der Inspiration, des Aufwühlens oder des Aufgehobenseins: Denn Malen ist nicht Abmalen der Realität, sondern ein immer neues Zur-Sprache-bringen des verwendeten Materials, ein ins-Leben-bringen und leben lassen und sich freuen an der Geburt eines Neuen.
Lebensphasen wandern. Manfred Staudt ist im Begriff, in bislang fremde Gefilde hinüber zu wechseln. Seine Bilder legen davon Zeugnis ab. "Wenn ich was Neues machen will", sagt er, "springe ich zwischen den Techniken hin und her. Eine neue Technik bringt neue Bilder hervor." Noch unverbraucht ist in diesen Bildern der Umgang mit Öl. Bisher war er ein Fan der Eitemperafarbe. Jetzt macht er sich tastend mit einem weitgehend unbekannten Metier, dem Malen mit Öl, vertraut. Neu ist aber auch die Zurücknahme seiner inneren Gestimmtheit. Früher wollte er persönlichem Gefühl Ausdruck verleihen, thematisierte - verborgen und verzerrt - in erster Linie sein eigenes Schicksal. Das tritt nun in den Hintergrund. Malen um des Malens willen, nennt er, um was es ihm jetzt geht. Und er möchte Bilder hervorbringen, die bei den Leuten ankommen - nicht im Sinne von "um jeden Preis gefallen" oder gar "gefällig sein". Sondern "ankommen" meint "landen": da ist ein "nach Hause kommen" drin, ein "zur Ruhe kommen", ein "bei sich selbst landen", etwas auf sich wirken, etwas sacken lassen. Dazu braucht es nicht Bildquantitäten, nicht die Menge macht das Zuhause. Erst in der Sammlung, im Sicheinlassen auf das Wenige, wird Tiefe, Ruhe, wird Ankunft erfahrbar. Bei den Menschen ankommen, das hat auch mit Gegenwärtigkeit zu tun, und damit, etwas da sein zu lassen, was da sein will. Das klingt abgehoben, meint aber nichts anderes als ein Schlürfen des Augenblickes, ein Im-Hier-und-Jetzt-und-Ungeteilt-sein.
Eine alte kontemplative Regel besagt: Wenn ich Gemüse wasche, dann wasche ich Gemüse. Wenn ich den Garten umgrabe, grabe ich den Garten um. Wenn ich schaue, dann schaue ich. Uns - und ich benutze bewusst einmal dieses verallgemeinernde, einverleibende WIR, weil wir alle mehr oder minder an der Gesellschaftskrankheit des Machens leiden: Uns also täte das Zurückkommen in die Gegenwart, in die Langsamkeit und Passivität not. Gegenwärtig sein ist eine hohe Kunst, den wenigsten Zeitgenossen gegeben. Das Zurückfinden zur Kunst des Passivseins, zur Wohltat des wachen Aufnehmens, des Lauschens, Sehens, des Zeithabens und Zeitinvestierens, des Stillseins und Sich-Versenkens - all das könnten Manfred Staudts Bilder lehren. Er jedenfalls hat sich auf den Weg gemacht. Wohl dem, der es ihm nachtut.
© 2007 - 2009 by A. & A. Trieschmann - webmaster [at] kunstnotiz.de - impressum - $Date: 2009-01-20 15:51:40 +0100 (Di, 20 Jan 2009) $ - $Revision: 327 $