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Eröffnungsrede zur Ausstellung "schöne Vergänglichkeit – vergängliche Schönheit" mit Fotoarbeiten von Hanne Junghans am 05.02.2006

Kunstnotiz

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Vergängliche Schönheit - schöne Vergänglichkeit

im Offenen Haus
Evangelisches Forum Darmstadt
Von Anja Trieschmann

Schöne Vergänglichkeit - vergängliche Schönheit: So der Titel der Ausstellung mit Fotoarbeiten von Hanne Junghans, zu deren Eröffnung wir uns hier versammelt haben. Ein solches Wortspiel legt ein beträchtliches Maß an Hintersinn nahe. Jemand hat sich etwas dabei gedacht, den Begriff der Schönheit sprachlich mit Vergänglichkeit in Zusammenhang zu bringen. Ich möchte diesem Hintersinn auf die Spur kommen, indem ich ihn assoziativ umschleiche - denn packen lässt er sich so wenig wie das Thema der hier gezeigten Ausstellung:

Schön kann je nach Standpunkt und Geschmack so ziemlich alles sein: Ein Blumenstrauß, ein Haus, eine Frau, seltener ein Mann, sogar ein Auto kann als schön empfunden werden. Schön wird etwas erst, wenn es von einem Individuum subjektiv als schön wahrgenommen wird. Und dann soll Schönes möglichst ewig halten: Verweile Augenblick, du bist so schön - flüstert nicht nur Goethes Faust sinngemäß, sondern mit ihm die gesamte moderne Kosmetik- und Körperindustrie, die dem Menschen ewige Jugend - und damit langlebige Schönheit - verkaufen will.

Doch Schönheit ist nicht auf Dauer angelegt. Sie zerrinnt demjenigen zwischen den Fingern, der sie festhalten will. Das Wahrnehmen jedweder Schönheit - sei sie oberflächliches Entzücken oder sinnlich empfundenes Berührtsein - ist nur möglich, wenn Alltagstrott und Gewöhnung für einen Augenblick unterbrochen, quasi aus dem Tritt gebracht werden. Ein Innehalten ist nötig, und Offenheit, eine Art Hingabe an den Augenblick, in dem sich die Schönheit dem Betrachtenden offenbart.

Wenn Schönheit einen überrascht, nützt es nichts auszurufen: Einen Moment, ich bin gleich bereit! Denn schon im nächsten Augenblick kann sie unwiederbringlich verflogen sein. Ein Fotograf muss blitzschnell reagieren, wenn sich in einem winzigen Augenblick das Sonnenlicht, die Wellenbewegung und die Farbigkeit der Spiegelungen auf dem Wasser zu einem Bild von skurriler Ästhetik verdichten - nur einen Moment später kann der Lichtreflex von einer Wolke getrübt, das Wasser gekräuselt, die Spiegelungen verwischt sein. Die Entdeckung von Schönheit ereignet sich in Momenten, die so fragil und flüchtig sind, dass man von Glück sprechen kann, wenn man der Gewöhnung solch einen Augenblick entreißen kann.

In den Fotoarbeiten von Hanne Junghans geht es nicht um eine Schönheit, von der man landläufig das Adjektiv "schön" ableiten würde, wie Zeitgenossen es auf Handys oder Haarfrisuren anwenden. In ihren Fotoarbeiten geht es um eine Schönheit, die Tieferes berührt; eine Schönheit, die aufrüttelt und einen verwirrt zurücklässt. Schönheit wird hier zu einer körperlich sinnlichen und zugleich geistigen Erfahrung von Wahrnehmung, wird authentisches, unverfälschtes Erleben, das alles um sich herum vergessen macht. Sie gleicht einem Versprechen, doch lässt sie sich niemals festhalten. Und sie eröffnet sich nur dem, der sich auf diese momenthafte und unaufdringliche Begegnung einlässt. Diese Art Schönheit, wie sie in den Foto-Serien, (aber auch in den Schmetterlingscollagen) von Hanne Junghans aufblitzt, lässt sich nur wahrnehmen im gegenwärtigen Augenblick - sie ist flüchtig wie ein Schmetterling, (kaum seh ich ihn auf einer Blüte mit pergamentenen Flügeln zittern, bläst ihn schon der Wind aus meinem Sichtfeld, flaumleicht und lautlos). Nach Luft schnappen, gebannt ins warmgelbe Farbmeer tauchen, das Leuchten der Flügel bis in die Zehenspitzen rutschen lassen - das Betrachten der Schmetterlingscollagen von Hanne Junghans lässt den Körper nicht kalt. Obwohl die Tiere mehr als 20 Jahre tot sind, pulsiert ihre Farbe noch immer, fasziniert ihre luftige Transparenz. Ihre Schönheit ist atemberaubend - und doch lauert der Verfall. Keine Konservierung wird die Milben auf Dauer davon abhalten, die Flügel zu Staub zu zersetzen. Knabberspuren sind bereits zu erkennen - und der Prozess ist noch längst nicht abgeschlossen.

Schönheit ist naturgemäß an Vergänglichkeit gekoppelt: In der Natur blüht jede noch so bizarre Wunderlichkeit nur kurz, Verwelken und Sterben sind in allem Lebenden angelegt. Augenblicke tief empfundener Schönheit sind nicht planbar. Es liegt in ihrem Wesen, dass sie überraschend und oft zum ungünstigen Zeitpunkt kommen. Nur wer sich einlässt, erfährt Berührtwerden. Solches Angesprochensein lässt sich nicht adäquat mitteilen - und ebensowenig darstellen - es lässt sich nur erinnern.

Für Hanne Junghans ist das Fotografieren und das künstlerische Eingreifen per Computer der Versuch, sich dieser berührenden und augenblickhaften Schönheit kreisend anzunähern. Der Fotografie, das weiß sie, gelingt es nicht, Schönheit langfristig festzuhalten. Um sich ihr dennoch zu nähern, bedarf es eines langsam reifenden Prozesses der Verdichtung. Hanne Junghans' künstlerisches Vorgehen lässt sich vielleicht folgendermaßen skizzieren: Zuerst ist da die Intuition, der spontane Moment, der ihr überraschend widerfährt und den sie - wider alle Vernunft - aufs Foto bannt. Doch der Zauber des Augenblicks findet sich im Abbild nicht wieder: Die Transparenz des Wassers, seine spiegelnde Leichtigkeit scheint auf dem Foto zerstört: Das Wasser lässt den Blick nicht durch die sämige Farbschicht hinduchgleiten. Schwere liegt auf der in Wirklichkeit so leichten Oberfläche.

Deshalb setzt nun ein diffuses Suchen, Forschen und Umkreisen ein, ein Betasten und Analysieren dessen, was den Zauber der Leichtigkeit zurückbringt ins Abbild. Aus Spiel, Versuch und Irrtum wächst langsam die Idee einer Verdichtung und Verfremdung, mit deren Hilfe der Zauber quasi künstlich in den fotografisch festgehaltenen Moment zurückgegeben wird. Hanne Junghans drückt es selbst so aus: "Das Ungefähre schreckt mich nicht. Denken und Finden erlebe ich als Bewegung im Ungefähren, kreisend um das noch Unbekannte. Die Qualität des Ungefähren ist das Offene, nicht Festgelegte, Lebendige."

Und warum der ganze Verfremdungsaufwand? Warum einen Moment intensiv erlebter Wahrnehmung ins Bild bannen, wo er doch gerade durch seine Flüchtigkeit definiert ist? Um an den Widerschein des Heiligen, an die Kostbarkeit des Lebens im Moment der Schönheit zu erinnern!

Das berührt das Wesen von Kunst an sich. Wenn Kunst überhaupt eine Funktion zugeschrieben werden darf, dann wohl die der Erinnerung. Kunst vermag aufzuzeigen und bewusst zu machen, dass die wesentlichen Dinge im Augenblick der Achtsamkeit und in der Unterbrechung des Gewöhnlichen zu finden sind.

Kunst kann sensibilisieren für Augenblicke voll tiefer innerer Berührung. Sie kratzt an der schnöden Oberfläche, dem schönen Schein, der keinen Sinn vermittelt, der nur Illusion und Luftblase ist. Die Kunst schürft tiefer, verunsichert, irritiert, bringt die gewohnte Wahrnehmung durcheinander, um durchlässig zu machen für die Erkenntnis des ganz anderen, des immer verborgenen Geheimnisses.

Hanne Junghans' Motivserie mit Wasser-Spiegelungen, zufällig und momentwach aufgeschnappt bei einem Besuch am Frankfurter Mainufer, vermittelt eben jene Flüchtigkeit, in der nie ganz klar ist, ob sich die gezeigten Gegenstände gerade zum Bild verdichten oder in Auflösung begriffen sind. Wie vergängliche Aquarelle zerfließt die zurückhaltende Farbigkeit zur malerischen Geste, verflüchtigen sich Formen zu fragilen Strukturen, die sich jeder begrifflichen Zuordnung entziehen. Eine doppelte Verfremdung findet statt: Zum einen zerfließen die Konturen von Häusern, Kränen, Brücken durch die Spiegelung auf dem Wasser zu schlierigen Farbspielen, die sich beständig zu bewegen scheinen. In diesem Bewegtsein ist Vergänglichkeit eingeschrieben, als ein ständiges Zerreißen und Verzerren des gerade gesehenen Bildes, das sich im Hin- und Herschwappen des Wassers auflöst und wieder zusammensetzt.

Zum anderen spitzt Hanne Junghans diesen Effekt der Abstraktion noch zu, indem sie die Farbe des Wassers aus dem Bild löscht, Formen noch weiter zur Auflösung bringt, und dadurch die von ihr gezeigte Realität vieldeutig werden lässt. Erst im Diffusen öffnen sich für sie Spielräume für Fantasie und Deutung, weitet sich Wahrnehmung. Die Bezugspunkte zur Realität werden unkenntlich gemacht: durch Verschwimmen, Auflösen der Konturen und Überlappen der Motive. Denn es geht ihr nicht um die sichtbare Wirklichkeit, sondern um die Erfahrung von Vergänglichkeit im Augenblick tief erlebter Schönheit. Die Künstlerin arbeitet in Serien, weil, wie sie sagt, "Wiederholung die Wahrnehmung verlangsamt". Solches Anliegen, die Entschleunigung, liegt quer zur Reizüberflutung und der Jagd nach Impulsen. Doch gerade in einer Welt, in der Hektik und Überfluss regieren, hebt Hanne Junghans den Wert subjektiver Wahrnehmung und die Kostbarkeit tief empfundener Augenblicke ins Bewusstsein. Somit sind diese Bilder ihr Plädoyer für die Einzigartigkeit des Menschen.

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Webseite der Künstlerin Hanne Junghans

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