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Eröffnungsrede zur Ausstellung "Raku-Keramik" von Katharina Ziemann am 08.03.2009 in der Remise / Zwingenberg

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Katharina Ziemann: Raku-Keramik

Von Anja Trieschmann
08.03.2009 in der Remise / Zwingenberg

Makellos - perfekt - vollkommen muss Schönheit sein, will sie hochdotiert von globalen Werbeträgern herab zwinkern. Dafür hungern sich junge Frauen schlank und krank, dafür gibt es die Chirurgie, die für teuer Geld körperliche Unregelmäßígkeiten dem Normmaß anpasst, dafür gibt es Trendmode, die jede individuelle Rundung geschickt kaschiert. Nur nicht aus dem Leim gehen, ist die Devise. Altern gilt postmodernermaßen als unschick, Sterben als höchst unvorteilhaft und beides ist tunlichst zu vermeiden. Nicht nur Mensch, auch Materie und Natur sind nur schön, wenn manikürt: Makellos spiegelt der Lack eines neuen Autos, blinken die Glasfenster kirchturmhoher Bürogebäude, und sogar die kurzleinig bei Fuß geführten Schoßhündchen dürfen ihr Fell nicht unfrisiert spazieren tragen. Hierzulande genießt Perfektion in Form und Fassade einen hohen Aufmerksamkeitsgrad. Perfektion sagt aus: Da gehört jemand zu uns - denn wir sind sauber, adrett, makellos und vorzeigbar. Sagt auch: Da hat sich einer bemüht. Da steckt Leistung drin und dran. Da hat sich jemand Lob und Ansehen verdient. Aber auch eine Portion Achtsamkeit und Formwunsch, ein ästhetischer Wille, eine Sehnsucht nach Vollkommenheit sind Aspekte von Perfektion.

Das lateinische Wort perfekt heißt bekanntlich vollkommen, vollendet - und bezeichnet doch gleichzeitig die Zeitform eines Verbs in der Vergangenheit. Passe, vorbei, abgeschlossen, vergangen, nicht aktuell. Uninteressant weil unlebendig, unbewegt, würde eine Strömung der japanischen Philosophie dazu sagen, die das Brüchige des Lebens jeder Vollkommenheit vorzieht. Ich zitiere Alan Watts, der den Taoismus, Vorläufer der Zenphilosophie, folgendermaßen umschreibt: "Für den Taoismus ist das, was völlig bewegungslos oder absolut vollkommen ist, auch vollkommen tot, denn ohne die Möglichkeit von Wachstum und Wandel kann es kein Tao geben. In Wirklichkeit gibt es im Universum nichts, das vollkommen perfekt oder vollkommen bewegungslos wäre; solche Konzepte existieren nur im Verstand des Menschen." Nicht dass Katharina Ziemann praktizierende Anhängerin der Tao- oder Zenphilosophie wäre - aber der Gedanke, dass dem Unvollkommenen Schönheit innewohnt und dass menschliches Gestalten im Einklang steht mit natürlichen Prozessen, der fasziniert die Gefäßkeramikerin schon seit etlichen Jahren. Und weil dieses Prinzip in der japanischen Kunst Beachtung findet, interessiert sie sich auch besonders für diese Kultur. "Eine bestimmte Richtung der japanischen Kunst lebt von Unebenheiten, von so genannten Fehlern, an denen das Auge hängen bleibt", erklärt Katharina Ziemann ihre Faszination. Und in der Raku-Keramik, einer uralten Töpferpraxis, die aus Japan stammt, hat sie 1993 einen adäquaten Ausdruck für sich gefunden. Denn im Raku-Brand vereinigt sich schlichte Natürlichkeit mit Ästhetik, reduzierte Formfindung mit der Handschrift des Zufalls. Intellektuelle Überfrachtung ist dabei genauso wenig gefragt wie schmückendes Gezierde. Alles Gekünstelte, Normierte, Geglättete ist vollkommen uninteressant für diese Ausdrucksweise, die auf eine lange Tradition der Gefäßherstellung zurückblickt.

Das japanische Schriftzeichen "raku" bedeutet Freude und taucht im 16. Jahrhundert erstmals in Verbindung mit einer Keramik auf, die unpretentiös, schmucklos und ohne künstlerisch-intellektuelles Anliegen bei vergleichsweise niedriger Brenntemperatur hergestellt wurde. Die Schlichtheit koreanischer Töpferarbeit und die visuellen Eigenschaften eines Dachziegels sollen die direkten Vorbilder für das gewesen sein, was man später Raku-Ware nannte und was für japanische Teezeremonien unverzichtbar wurde. Eine andere Herkunftslegende besagt, dass die Brenntechnik des Raku von einigen neugierigen Zen-Mönchen entdeckt wurde, als sie während einer Tee-Zeremonie ihre Teeschalen ins Feuer warfen, um zu sehen, was mit ihnen passieren würde. Vermutlich waren sie entzückt von den schwärzlichen Schmauchspuren, die der Rauch den Gefäßen in die Oberfläche eingeschmurgelt hatte. Denn genau diese Zufallsspuren des offenen Feuers, die je nach Luftzufuhr variierbar, aber nie präzise steuerbar sind, geben der Rakukeramik ihren Reiz.

Katharina Ziemann beschreibt diesen Vorgang des Brennens als einen spannenden Prozess, bei dem der Überraschungseffekt der eigentliche Kick ist: Wie kommt diesmal die Glasur raus - wo konturiert der Rauch filigrane Liniengeäste in die Bruchstellen des Farbauftrages - welche Spuren hinterlässt das Feuer auf dem Scherben? Viele Kurse hat Katharina Ziemann in Helmstadt bei ihrer "Raku-Meisterin" besucht, vielmals am offenen Holzfeuer gesessen, die auf dem Schoß gefertigten Gefäße - nach Trocknen-lassen und Schrühbrand - in die ca. 900 Grad heiße Glut gelegt. Dann die glutroten Stücke mit langen Zangen herausgefischt und dem nächsten Brandgang, dem eigentlichen Raku-Brand, anvertraut: Die glühenden Scherben werden in einen Topf voller Späne gelegt, bis die Feuer fängt, und bei veränderbarer Luftzufuhr wird der Ton darin geschwelt. In diesem Stadium entstehen, je nach Sauerstoffmenge, die charakteristischen Risse und die feingeästelten Strukturen in der Glasur. Die schwarzen Linien macht der Schwelbrand. Die letzte Prozedur ist das Löschen im Wasserbad. "Man weiß nie, was rauskommt", sagt Katharina Ziemann, die zugibt, für ihr Leben gern mit Feuer und Wasser zu spielen.

Raku-Keramik ist vergleichsweise grob, fast klobig, erdig, und liegt schwer in der Hand. Ihre Durchsetzung als eigenständige Kunstform verdankt sich der Rebellion: Einige gestalterische Trotzköpfe im alten Japan hatten die Nase voll von der rund zehntausend Jahre alten, reich verzierten Gefäßkunst, die sich der japanische Adel von der chinesischen Töpfertradition abgeschaut hatte und die als hohe Kunst galt. Die Raku-Ästhetik setzt dagegen auf Einfachheit und Demut in Form und Zierrat. Dabei spielten der natürliche Reiz unterschiedlicher Tonarten, die zufällig beim Brand entstehenden unregelmäßigen Strukturen der Ascheglasuren und die Asymmetrie der Form eine wesentliche Rolle.

Die Teeschalen, Teller, Dosen und Obstschalen, die Katharina Ziemann formt, sprechen die Sprache dieser kontemplativen Keramiktradition: Die Formen sind schlicht und plump und dickwandig, teils doppelwandig - der Ton darf in seiner Ursprungsfärbung und körnigen Grobheit für sich sprechen und wird nicht unter dicken Schichten Farbe versteckt. Um die natürliche Anmut des Materials zur Geltung zu bringen, setzt die Keramikerin Kontraste ein - legt Glasur auf, hier feister, dort lasierend, so dass Klecksnasen und Verdickungen unterschiedliche Farbqualitäten erzeugen. Matte Erdigkeit reibt sich an glänzender Glasur. Überhaupt Unebenheit, Asymmetrie, das Zulassen des Zufälligen sind zentrale ästhetische Momente in Frau Ziemanns Keramik. So entstehen eben auch die verspielten Zeichnungen und Rauchkonturen, die sich in die Glasur fräsen und ihre perlmutten changierende Glätte zersprengen. In Fachkreisen nennt man das filigrane Liniengespinst Craquele.

Die Gefäße sind das Eine - das Bodenverhaftete, das ein malerisches Anliegen mitverwirklicht in seinen Flächen. Katharina Ziemann hat aber auch eine andere, eine verspielte, eine zur eigenen Form und vom Gefäß weg drängende Seite in sich. Die ist beispielsweise verantwortlich für die Kugeln, ihr Markenzeichen, in denen sie das Perfekte der Rundform mit dem Unperfekten des Rakubrandes verbindet. Die Risse sind kein Missgeschick, sondern gewollt. Eben nicht das Glatte, Unversehrte reizt die Künstlerin, sondern das vom Mangel, vom Fehler einzigartig Gemachte. Die Langeweile, die einen beim Betrachten normierter und auf Schönheit getrimmter Werbekörper beschleicht, kommt beim Anschauen der Ziemann-Kugeln nicht auf: Das Auge bleibt hängen an den Zeichen, die das Feuer und die Luft und das Wasser dem Ton angetan haben. Die Zeit in der Glut hat den Erdkloß verändert. Der Wandel, die Bewegung der Flammen, der heißen Luft hat ihm Eigenheit verliehen. In der Raku-Sprache ist Vergänglichkeit ein Zeichen von Leben - da geschieht etwas, jetzt, in diesem Moment, das Leben bewegt, frisst Löcher in einen, schlägt Wunden, aber macht eben auch, dass etwas Unvergleichliches zum Vorschein kommt. Das Flüchtige des Augenblicks wird in der Raku-Ästhetik zur Geburt von Schönheit und Individualität. Zwischen Werden und Vergehen, Freude und Wehmut liegt ein Moment der Erhabenheit.

Aber noch einmal zurück zum Spiel: Fantasie ist gefragt bei den Päckchen, die Katharina Ziemann aus Ton zu kleinen klumpigen Geldbörsen gefaltet hat. Drin hat sie etwas versteckt. Für uns Betrachter ist es jetzt nach dem Brand unmöglich zu ergründen, was es im Einzelnen ist, was drin verborgen ist. Steif wie drei-Wochen-altes Brot sind die gnubbeligen Täschchen. Aber die Fantasie ist schlank - alles, was sie sich da hinein wünscht, passt auch hinein. Und noch etwas sei verraten: Eindrücke sind drin verewigt - Eindrücke von einer historischen wie spirituell wirksamen Stätte. Assisi, Wohn- und Wirkort des heiligen Franziskus, eines Verfechters der Schlichtheit und Demut übrigens, Assisi also war Inspiratorin für die Idee der Päckchen, diese lehmhaltige Projektionsfläche. Katharina Ziemann hat sie dort gefaltet und glasiert und vorher in der Tonmasse Eindrücke aus Franzens Einsiedelei gesammelt. Der Abdruck einer alten Mauer oder ein Blatt sind also verewigt im Innern oder Äußern der handlichen Formen. Grüße aus einer anderen Zeit - wie das Raku selbst einer ist.

Und schließlich spielt sich Katharina Ziemann in ihrer "Hommage an Wolfgang Laib" auf ihre Art hinüber zu einem Künstlerkollegen, dessen Arbeit sie bewundert: Es ist der Mann, der den Sommer über Blütenstaub sammelt, um ihn im Winter zu großflächigen Farbquadraten auf öffentlichen Boden zu sieben. Seine Materialien sind, neben dem Blütenstaub, Bienenwachs, Milch und Reis - Naturalien, mit denen er stille, verschlossen wirkende Formgebilde schafft. Mit vier Tonnäpfen voll naturaler Farben erinnert Katharina Ziemann an diesen Künstler, der in einer zeitgenössischen Ausdrucksweise, wie sie, die Kraft der Natur, die Schlichtheit der Form und die Haltung kontemplativer Achtsamkeit eigenwillig zur Sprache bringt.

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© 2007 - 2009 by A. & A. Trieschmann - webmaster [at] kunstnotiz.de - impressum - $Date: 2009-03-08 14:01:41 +0100 (So, 08 Mrz 2009) $ - $Revision: 355 $