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Der sanfte Küchen-Genozid

Von Anja Trieschmann

Die erste Maus fiel einer Katze zum Opfer: Triumphierend hatte die das verklebte Haarbündel vor dem Küchentisch abgelegt, damit man regelrecht darüber stolperte. Dort, wo einmal ein schnupperndes Rüsselchen gewesen war, klaffte nun ein blutiges Loch. Das einzig Nette an der Maus, die fein vibrierende Nase, war auch nach längerem Suchen nicht mehr aufzufinden gewesen. Die zweite erschlug A. eigenhändig mit dem langen Küchenmesser, das er von seiner Großmutter väterlicherseits geerbt hatte. Er erschlug sie mit der abrupten Schwungkraft eines gespannten Krampengummis, als sie gerade aus der Deckenverkleidung schnäuzelte. Eine dritte versteckte sich zwischen den Zeitungsseiten im Papiermüll und wurde schließlich aus der Küche hinaus und zum Container getragen. Quasi entwurzelt. Eine weitere verlor ihr Leben so plötzlich in der Mausefalle, dass sie ihren letzten schrillen Pieps nicht mehr zuende bringen konnte. Er stand ihr noch auf den Lippen, als ich sie fand. Sie schwamm, in zwei Hälften gespalten, mitsamt Falle im Abwaschwasser.

Die vorerst letzte Maus - aber sicher nicht allerletzte, denn es kruschpelt und tribbelt in einem fort munter weiter, trotz der vielen bereits zu beklagenden Toten, also, die vorerst letzte erlegte ein Stein, den meine eigene Hand bediente. Ich hatte das pelzige Graubündel in einer Kiste entdeckt, die uns Freunde zur Hochzeit geschenkt hatten. Es war ein Pappkarton, gefüllt mit thailändischen Leckereien, einer Tüte Reis, Dosenchilis und einigen dieser scharfen asiatischen Dreiminutensuppen, die trotz unterschiedlicher Aufdrucke immer den gleichen Glutamat-Geschmack haben. Die Reistüte war käsig durchlöchert und beheimatete nur noch einige verlorene Körnchen. Der Rest hatte sich -- in Luft aufgelöst. Das jedenfalls schien der Blick der zwischen Pappwänden eingesperrten, unwirsch ertappten Maus mir glauben machen zu wollen. Ein Achselzucken, ein erstauntes Glupschen, ein entschiedenes Kopfschütteln ihrerseits bedeuteten mir, dass ich gar nicht erst versuchen sollte, sie für den Reisdiebstahl verantwortlich zu machen. Sie - also, sie wisse von absolut gar nichts - Reiskörner? Nie davon gehört, dass hier welche gelegen haben sollen! Ich indes glaube nichts von diesem unschuldheischenden Mienenspiel. Ertappt, denke ich grimmig, der Reisdieb, der miese kleine Suppenzutzler, das Objekt meiner inzwischen gut abgehangenen Wut. Zu lange war auf mir herumgedribbelt worden, zu lange hatte ich dem mehrstimmigen Knibbeln und Wetzen dutzender Zähne im Dachgebälk lauschen müssen, zu lange hatte ich wöchentlich alle Gläser, Dosen, Teller doppelt gespült, weil sie wieder und wieder mit winzigen braunen Fußtapsern dieser neugierigen Pestwühler ornamentiert waren. Jetzt riss mir der Faden. Mein Lebenserhaltungsinstinkt setzte für einen Moment aus. Ich griff einen herumliegenden Stein, visierte die erstarrt glotzende Maus an und dotzte den Stein auf das Fellchen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass der erste Hieb nicht so saß, wie ich mir das gewünscht hätte; dass also erst der zweite den Lebensnerv aus der Energiedose riss; dass deshalb auch nicht von einem Impuls des Tötens aus blinder Wut gesprochen werden kann, sondern von einem reflektierten und kalkulierten Mausemord. Dass ich danach heftig mit mir schimpfte, dass mir der Appetit kurzfristig versagte und ich von Schuldgefühlen geplagt wurde, wird mir wohl kaum mehr irgendwer glauben.

Indes ging das sanfte Morden zwischen Herd und Spülstein weiter. Eines Tages, ich pflückte mir gerade eine Tasse vom Wandhaken, um sie mit heißem Tee zu füllen, entdeckte ich ein Mausebaby, das, flauschig gebettet in Watte- und Strohfasern, in just jener Tasse seinen letzten Schlummer hielt. Es war wohl aus der Deckenverkleidung gestürzt und in die Tasse geplumpst. Seine Haut war fast durchsichtig, die Rinnsale bläulicher Äderchen furchten das schlaffe rosa Körperchen wie eine Landkarte. Ich spülte die Tasse. Nummer sechs. An sieben und acht habe ich keine Erinnerung, sie sind quasi in der Masse verschütt gegangen. Vermutlich landeten sie in einer der guiottinierenden Mausefallen.

Erst Nummer acht ist mir wieder im Gedächtnis hängengeblieben. Das kam so: Ich hatte, zum Zwecke eines Künstlerporträts, ein Gespräch mit einer betagten Malerin zu führen. Die Dame lebte zurückgezogen in ihrer Atelierwohnung und teilte ihr Dachgeschoss mit einer Mausefamilie. In gegenseitigem Einvernehmen, versteht sich. Ab und zu, so erzählte die tierfreundliche Dame, fing sie eines ihrer Schützlinge in einer Lebendfalle. Es sei unbedingt notwendig, diese Plastikkäfige sorgfältig alle drei Stunden zu inspizieren, damit die Nager um Himmels Willen nicht würden verhungern müssen. Das könne man ja nicht zulassen, da müsse man achtsam sein, man sei ja kein Unmensch. Liebevoll päppelte sie jedes der gefangenen Nager mit ihrem Lieblingsessen auf, um sie von ihrem Schock, in eine Falle geraten zu sein, zu rehabilitieren. Am liebsten fräßen sie übrigens Brot mit Erdnussbutter. Findet sie dann und wann ein schnüffelndes Pelzchen in der Falle, telepathiert sie rasch einer Freundin mit Auto und lässt sich, die paranoide Maus im Schoß gebettet, auf eine entfernte Wiese kutschieren. Dort erhält die graue Eminenz ihre Freiheit, mit Kußhand und WinkeWinke.

Ich erzähle ihr also vertrauensselig von unserer Mäuseplage und der Dame wachsen die Ohren. Was ich denn mit den Tieren machen würde?, fragt sie mitfühlend. "Doch nicht töten, GottimHimmel?" Zögernd bekenne ich mich zu dem einen oder anderen Mord und gestehe die stillschweigende Hinnahme totbringender Instrumente in meiner Küche ein. Meine Ehrlichkeit stellt sich als Fehler heraus. Der bislang um Mäusefütterung und artgerechte Nagerhaltung euphorisch herumschwappende Redefluss versiegt abrupt und Missmut kriecht in die Stirnfalten der eben noch freundlich nickenden Dame. Meine Hirnzellen blättern hektisch in Fachbüchern über Halbwahrheiten und taktische Redewendungen, Ablenkungsmanöver und geschickte Strategien für mögliche Themenwechsel. Würde die Dame das ganze Ausmaß des heimischen Küchengenozits erfahren, würde sie mir, aus blankem Entsetzen ob meiner Kaltblütigkeit, jegliche weitere Information über ihr Leben und Werk, um dessentwillen ich eigentlich gekommen war, vorenthalten und mich vor die Tür setzen. Ich schwitzte. Schließlich musste ich ihr versprechen, nach unserem Gespräch eine der von ihr gepriesenen weil tierfreundlichen Lebendfallen zu erstehen, für 7, 95 Euro das Stück. Sie rief sogar umgehend in der Tierhandlung an, um sich davon zu überzeugen, dass jenes Fabrikat noch lagermäßig vorhanden sei und um der Verkäuferin nachdrücklich mein baldiges Kommen anzukündigen. Nachdem ich ihr noch versprechen musste, alle Todesfallen zu verbrennen, bekam ich, was ich wollte: Ihr Leben in Auszügen und das beste Quarksahnetörtchen, das ich bislang gegessen habe.

Nummer neun ging schließlich dem Käseduft im hintersten Winkel der mausefreundlichen Plastikfalle auf den Leim. Früh am Morgen, noch vor dem Kaffeemachen, sah ich es zitternd in dem dämmrig mattierten Kunststoffkäfig sitzen. Zu faul, es eigenhändig in der klirrenden Morgenkälte auf eine entfernte Wiese zu schleppen und es dort dem Winterfrost zu übergeben, drückte ich es mitsamt Behausung meinen Nachbarskindern in die roten Hände, die es auf dem Weg zum Kindergarten auszusetzen versprachen. Sie freuten sich unbändig und pochten an das Plastikfenster, um dem Nager zu bedeuten, dass es bei ihnen in guten Händen sei. Die totbringenden Guiotienen habe ich, trotz meines Versprechens, natürlich nicht verbrannt. Sonst hätten sich Nummern 15 bis 19 schließlich immer weiter vermehrt und wir hätten unsere Küche den Graupelzen überlassen müssen.

Kurz bevor A. die inzwischen bestialisch vor sich hin stinkende Styropordämmung samt den zernagten Bastmatten, die als Deckenverkleidung gedient hatten, von der Küchendecke riss, wurden wir Zeugen eines Familienselbstmordes. Es war zu der Zeit, als es von der Decke schneite, sobald man die knarrenden Küchendielen betrat. Hektisches Rascheln und flinke Dribbeltritte verrieten jedesmal den Lieblingsaufenthalt der Mäuse oberhalb des Esstisches. Dass Winter war, erwies sich als Segen für unsere angeknabberten Nerven. Denn mit der früh einsetzenden Dämmerung lösten sich die Mausespuren auf Geschirr, Gewürzsäckchen und Topfdeckeln gnädig in Wohlgefallen auf und goldener Kerzenschimmer tauchte den Küchenwagen in behagliges Schummerlicht. Nur den beißenden Geruch bekam man nie aus der Nase. Hatte man sich ein Abendessen gebrutzelt, aus dem man aufmerksam einzelne von der Decke rieselnde Styroporflocken klaubte, glich das Verspeisen desselben einem Picknick im Scheegestöber. Stoßweise flirrten unter dem unermüdlichen Gekratze unzähliger Füße weiße Flöcken vom Gebälk und garnierten wahlweise Linsensuppe, Gemüseeintopf und Couscousspeise mit Streußelwerk. Wir entwickelten bald Geschick darin, den dampfenden Teller vor dem anrieselnden Gestöber zu retten, indem dieser ständig von einer Ecke des Tisches in die nächste geschoben wurde.

Eines besonders dämmerlichen Abends, als wir, gemästet und zufrieden zwischen Tischkante und Sitzbank geklemmt, im Funzelschein unsere Bäuche streichelten und unsere Hintern wohlig auf den wärmenden Schafsfellen räkelten, durchfuhr A. ein Ekel. Um seine Sitzposition zu wechseln, hatte er sich mit einer Hand auf der Bank abgestützt und, statt in wolligweiches Tierhaar zu fassen, ein glibberig klammes Etwas erfingert. In Ermangelung einer elektrischen Beleuchtung fummelten wir eine Kerze in die Nähe des ungewöhnlichen Tastgefühls. Erst als sich die Augen an den Schummer gewöhnt hatten und jeglicher Schatten aus dem dunklen Sitzeck vertrieben war, erkannten wir das Ausmaß der Tragödie: Umgeben von vier Neugeborenen lag eine tote Mamamaus auf der Sitzbank, eingekuschelt ins Schafsfell und regelrecht mit ihm verwachsen. Alle fünf Familienmitglieder mussten gemeinsam aus der von ihnen selbst mit Gängen durchhöhlten Styroporverkleidung gefallen sein und sich das Genick gebrochen haben. Weil A. sich standhaft weigerte, die Leichen zu entfernen, übernahm ich das Bestatten. Um die Mausefamilie aus ihrer Fellumklammerung zu befreien, half nur die Schere.

Mit der letzten ihrer Art, die ich, inzwischen selbst zur mordenden Bestie mutiert, in einem Gelben Sack erspähte und zielsicher erschlug, endete die Mauseplage. Vorerst. Frühling und Sommer leckten mit gleißenden Sonnenstrahlen über die windschiefe Holztäfelung. Die Küchendecke schämt sich, ihrer gelb bepinkelten Styropor- und Bastmattenschicht beraubt, ob ihrer Nacktheit und die Mausespuren haben sich, nach einer überfälligen Grundsäuberung, endgültig verflüchtigt. Doch seit kurzer Zeit, es geht stramm auf den Schneefall zu, wetzen wieder Zähnchen an den müden Holzbalken der Küche. Als hätte er alle Überlebensstrategien ihrer tödlich verunglückten Vorfahren im Genmaterial gespeichert, umhuscht dieser letzte Plagegeist mit diebischer Eleganz sämtliche an wichtigen Mause-Knotenpunkten aufparadierten Lebend- und Todesfallen und schafft es doch jedesmal, die Brotkruste zu löchern. Wir haben den Kampf vorerst aufgegeben. Nur Feld, unser wagemutiger Hund, lauert allabendlich im Eingang der Küche auf jedes Geräusch: Die Ohren aufgestellt, legt er lauschend den Kopf schief und hebt dann und wann im Zeitlupentempo eine Vorderpfote. Wir können ob dieses so ernsthaft zur Schau getragenen Jagdinstinkttheaters nur müde lächeln. A. hat für Felds abendliche Inszenierung als tollkühner Mäusejäger den Spruch geprägt: Der Feld guckt mal wieder Sendung mit der Maus.

© 2007 - 2009 by A. & A. Trieschmann - webmaster [at] kunstnotiz.de - impressum - $Date: 2009-01-20 15:51:40 +0100 (Di, 20 Jan 2009) $ - $Revision: 327 $