Kunstnotiz :: Literarisches :: Verborgen

Sprach-Performance anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Verborgen" von Monika Golla, Nikolaus Heyduck und Jaro im Kranichsteiner Eisenbahnmuseum am 4.11.07 von Anja Trieschmann und Kathrin Hilbrig

Kunstnotiz

Quick-Links

Apropos

... passend zum Thema ...

Vorschau: Die Lok lockt
Die Lok lockt
Bild/Foto: Ali Trieschmann
[ STOP ]
[ Zur Slideshow ]
Vorschau: Lok-Fetisch
Lok-Fetisch
Bild/Foto: Ali Trieschmann
[ STOP ]
[ Zur Slideshow ]
Vorschau: Loks, Ofen, rote Strümpfe und weiße Schüsseln
Loks, Ofen, rote Strümpfe und weiße Schüsseln
Bild/Foto: Ali Trieschmann
[ STOP ]
[ Zur Slideshow ]
Vorschau: Rotlicht-Lok
Rotlicht-Lok
Bild/Foto: Ali Trieschmann
[ STOP ]
[ Zur Slideshow ]
Vorschau: Bildhängung
Bildhängung
Bild/Foto: Ali Trieschmann
[ STOP ]
[ Zur Slideshow ]
Vorschau: Lok und Wäsche
Lok und Wäsche
Bild/Foto: Ali Trieschmann
[ STOP ]
[ Zur Slideshow ]
Vorschau: Lok, Ofen und rote Strümpfe
Lok, Ofen und rote Strümpfe
Bild/Foto: Ali Trieschmann
[ STOP ]
[ Zur Slideshow ]
Vorschau: Zwei Dampfloks
Zwei Dampfloks
Bild/Foto: Ali Trieschmann
[ STOP ]
[ Zur Slideshow ]
Vorschau starten

Verborgen

Von Anja Trieschmann und Kathrin Hilbrig
04.11.2007 im Eisenbahnmuseum Darmstadt - Kranichstein

Lok und Wäsche
Ruhende runde Räder,
schlafende Schlange,
stumme Stampfer.
Noch kriecht kein
	Krächzen aus dem Koloss,
dem Tross.
In seine Öffnungen
	strömen, die in ihn,
	mit ihm gleiten wollen,
die in ihn dringen, drängen
in Erwartung von Regung, Bewegung und Reise.

Ein
						Piep
und
						piep
es
						piep
schließen
						piep ssssss
sich die
						piep
Türen
						klick.

Wohlig im Innern
räkeln
oder schlummern
Schulter an Schulter
in fremd vertrauter Nähe die Reisenden.
Es wimmert eine erste Vibration,
kribbelt von unten herauf,
Aufbruch auf der Schwelle von Latenz zu Verwirklichung,
Inkubation des Antriebs,
der zielstrebig zischend,
alle Vorsicht vergessend
[Pfiff!!]
voran, vorandrängt,
bald schnaufend,
bald rauschend.
Ein Wackeln,
ein Wiegen,
die Weiche.

Ein Winken,
ein Weinen
in der Welt aus der wir kommen,
doch bald schon verschwommen,
entronnen,
entfleuchend,
entfliehend.

Eben noch verzagt,
betagt,
gezügelt,
gebügelt,
jetzt
angeflirtet vom Rotieren der Motoren,
im Rummeln und Grummeln
voll-zieht sich bemerklich ein Weltenwechsel.
Fern
nah
weit weg
ganz da.

Draußen
wischt unwirklich vorbei
der Himmel
blauer als blau
blendend sehnsuchtsblau.
Drunter ducken sich Dächer hinweg,
zerflimmern fatamorganisch in Fantasien,
zerfallend in Farbflecken,
flüchtig -
verflüchtigt.

Drinnen
pulsierendes Raunen,
flimmerndes Zirren,
behäbiges Brummen.
Gedämpfte Bewegung,
so zart hier im Innern -
dort unten wohl machtvoll,
wo Triebwerke treiben.
Und Hub und Schub der tobenden Kolben
sind Funken erleuchteten Geistes,
der schnaubend und sprühend
schuf ratterndes Rollen.
Dies Rasen, so ganz und gar sinnlich
und doch unzertrennlich
verwoben mit geistigem Höhenflug.
Welch Ganzheit!
Welch Taumel,
wenn Leib an Leibchen,
Haut an Häutchen reibend
in hitziger Enge
beim Surren der Klänge
des menschlichen Fortkommens
dahinjagt!
Gebannt,
geeint
auf schwankendem Weg,
wo mechanisches Rütteln
und rhythmisches Zirpen
wie ein Zwinkern,
ein Zwicken,
ein Züngeln,
ein Zwirbeln
erzittern,
erschauern lässt.

Wo eine Kurve
ein gellendes Quietschen,
gedehntes Stöhnen
entlockt,
betäubend,
betörend.
Unausweichlich
scheint das Drängen über die eingefahrenen Gleise
hinauszuschnellen.
Gleise wie Schneisen.
Gut geölte Bahn bündelt Energie,
die auf ihr Ziel zuschießt
und betriebsam keuchend,
gurgelnd,
murmelnd,
flüsternd,
singend
aus weg los
dies
JA DIES
ersehnte,
begehrte,
vergötterte
Ziel zu erlangen...
STOOOOOOOPP!!!!!!!
kreisch-ruckelndes Bremsen,
erbebende Lähmung,
prustendes Stottern
und
zsssssssssss ------
--------- [Stille]


Schier unergründlich der jähe Bruch,
enttäuschend,
entrüstend
in freiem Schuss
so abrupt aus pochender Fahrt geschleudert zu werden,
dem Ziel entrissen.
Scheele Blicke wandern aneinander vorbei
nach draußen,
wo der Himmel
steht.


Doch da
ein zärtlich vertrautes Vibrieren
singt in den Gliedern,
ein ängstliches Zucken,
anrollendes Rucken,
gehauchtes Ja! Ja! zum erneuten Anlauf,
und langsam wagendes Wiegen,
anziehendes Schmiegen,
gepresst in weiche Polster.
Beschleunigend knisterndes Ruckeln,
kristallenes Sausen,
verschwimmend,
säuselnd,
sanft,
summend,
schon wieder dahinschwebend.
---------



Und es ward Abend.
Fernes Funkeln,
ein Blitzen,
ein Blinkern
kommt näher,
Lichter der Welt, aus der wir kamen,
und wieder ein Schnauben,
erleichtertes Zischen,
verlangsamtes Rauschen,
ent schleu nig tes Fau chen
entblößt jenes Außen,
das Bild um Bild
sich neu ge biert
um neu - - alt - - 
schon wie der – schon im mer
hier
und
jetzt
zu
sein.

Dieser Zug hat sein Fahrtziel erreicht. Wir bitten alle Reisenden
	auszusteigen. Im Namen der Deutschen Bahn AG
	bedankt sich das Zugpersonal bei...

Trotzig stiere ich durch die Scheibe auf den Bahnsteig.
Ich will da nicht raus!
Wer möchte schon das Surren und Kribbeln, das Wiegen und Zischen
	mit der Welt da draußen tauschen?
Ich werde warten bis sie mich wieder anziehend in den Sitz drückt
	und mich ratternd und schwebend verführt.
				

Download als PDF-Datei

© 2007 - 2009 by A. & A. Trieschmann - webmaster [at] kunstnotiz.de - impressum - $Date: 2009-01-20 15:51:40 +0100 (Di, 20 Jan 2009) $ - $Revision: 327 $